Wissenstransfer zwischen jungen und älteren Mitarbeitern
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Wissenstransfer: alte Hasen & Jungspunde

So klappt der Wissenstransfer

Herr M. ist seit 37 Jahren im Unternehmen. Langsam ist es Zeit, an die Pensionierung zu denken – finden sowohl er als auch seine Vorgesetzten. Bloß: Was tun, damit die ganze wertvolle Erfahrung, die sich Herr M. im Lauf der Jahre angeeignet hat, nicht mit ihm gemeinsam zur Tür hinaus verschwindet?

Mitarbeiter wie Herrn M. haben zur Zeit viele Unternehmen. Der Generationenwechsel steht vor der Tür und wirft Fragen auf, die nicht nur im täglichen Berufsalltag drängend sind, sondern auch Fragen der Unternehmenskultur berühren: Wie können wir Erfahrung und Wissen älterer Mitarbeiter sichern? Welches Wissen ist überhaupt wert, erhalten zu werden? Welche Methode der Weitergabe ist die beste? Und wie bringen wir Mitarbeiter dazu, ihr Wissen überhaupt zu teilen?

Klischees und Stereotype behindern Wissenstransfer

Diesen Fragen ist Monika L. Honig in ihrer Abschlussarbeit am Institut für verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management nachgegangen. Ihr Fazit: Sobald gängige Klischees überwunden werden, klappt der Wissenstransfer ganz wunderbar. Das gelte übrigens für Jung und Alt, sagt die Personalerin: „Stereotype können zu einem Spannungsfeld werden, das die Wissensweitergabe behindert – und zwar in beide Richtungen. In Bezug auf ältere Arbeitnehmer gibt es die Ansicht, dass sie nicht mehr so leistungsfähig und flexibel sind wie ihre jüngeren Kollegen. Umgekehrt glaubt man oft, dass junge Menschen zu wenig Erfahrung haben und man ihnen nicht hundertprozentig vertrauen kann.“

Ihren Erhebungen zufolge sind diese Vorurteile nur selten haltbar. „Fragt man im direkten Gespräch nach, zerbröseln diese Annahmen ganz schnell, weil sie sich in der Praxis so überhaupt nicht zeigen. Das stimmt übrigens mit aktuellen Forschungsergebnissen überein: Ältere Arbeitnehmer weisen beileibe keinen so starken Leistungsabfall auf, wie er immer postuliert wird. Natürlich ist die Reaktionsgeschwindigkeit langsamer, aber das wirkt sich nicht besonders negativ aus.“

Des einen Schwäche, des anderen Stärke

Zumal Schwächen dieser Art leicht von jüngeren Kollegen ausgeglichen werden können – wenn denn kooperativ zusammengearbeitet wird. Das betreffe auch das Wissen beider Generationen, das im gegenseitigen Austausch verfügbar gemacht werden sollte, sagt Honig. Dabei geht es der Personalerin zufolge nicht unbedingt nur um reines Fachwissen. „Das bringen die Leute mit ihrer Ausbildung mit. Ältere Kollegen verfügen aber über einen enormen Schatz an Erfahrungswissen hinsichtlich Unternehmenskultur, Umgang mit Kunden oder schwierigen Gesprächssituationen.“

Diese Form sozialen Wissens werde aus Sicht der Expertin extrem unterschätzt. Soll heißen: Die alten Hasen wissen, dass man den Abteilungsleiter Huber nach der Mittagspause am besten eine Stunde lang nicht anspricht, weil er sein Verdauungspäuschen braucht. Junge, engagierte Kollegen fallen daher gerade beim Berufseinsteig oft mit der Tür ins Haus – oder treten in einige Fettnäpfchen, bevor sie den Umgang im Haus und mit externen Stakeholdern einigermaßen durchschaut haben.

Sympathie spielt beim Wissenstransfer eine große Rolle

Gerade dabei können ältere Kollegen extrem hilfreich zur Seite stehen, weiß Honig. „Neueinsteiger können gar nicht wissen, wie die Kommunikationsflüsse im Unternehmen sind oder warum sich der Geschäftsführer in bestimmten Situationen so oder so verhält.“ Damit implizites Wissen wie dieses aber überhaupt weitergegeben werden kann, muss gegenseitige Sympathie vorhanden sein. „Wissensweitergabe hat nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun, sondern mit der Beziehung, die ich mit meinem Gegenüber habe. Wenn man den anderen nicht ausstehen kann, wird man sich dreimal überlegen, ob man wertvolles Wissen überhaupt weitergibt.“

Um die internen Beziehungen zu fördern, sollten Unternehmen verstärkt Möglichkeiten für den informellen Wissensaustausch schaffen, sagt Honig. „Es ist ein Unterschied, ob ich in einem Besprechungsraum sitze oder mit den Leuten in einem privateren Kontext kommuniziere. Oft entstehen in informellen Situationen die besten Arbeitslösungen, weil ich meine Gesprächspartner nach  Sympathie aussuche im Gegensatz zu Meetings, wo mir einfach Leute vor die Nase gesetzt werden. Es kann sein, dass ich in so einem Setting gar nicht alles sagen will, was ich weiß.“

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.