Wann kommt die 15 Stunden Woche?
#Work & Life | Andrea Heider

Wann kommt die 15-Stundenwoche?

Weniger Arbeit - mehr Produktivität

15-Stundenwoche: Arbeiten bis Dienstagmittag – Der Abschied von der 40-Stunden-Woche, das wird nicht nur von der Gewerkschaft gefordert. Ein schwedischer Modellversuch, der „Sechs-Stunden-Arbeitstag“, in einem Göteborger Altenheim zeigt, dass Arbeitszeitverkürzung möglich ist und sogar Vorteile bringt: Die Pflegerinnen und Pfleger fühlen sich eigenen Angaben zur Folge gesünder, weniger gestresst und glücklicher. Es gibt weniger Krankenstände und auch die Insassen fühlen sich besser betreut. Seit Februar letzten Jahres wurde dort die Arbeitszeit auf sechs Stunden täglich verkürzt und das bei vollen Bezügen.

Auch namhafte Ökonomen gehen davon aus, dass verkürzte Arbeitszeiten sowohl Mensch als auch Wirtschaft mehr bringen. Wolfgang Katzian, Chef der Privatangestelltengewerkschaft fordert eine gesetzliche Neuregelung der wöchentlichen Arbeitszeitobergrenze. Die 40 Stunden Höchstgrenze soll in einem ersten Schritt auf 38 bzw. 38,5 Stunden heruntergesetzt werden. Dies würde in erster Linie Beamten und Vertragsbediensteten zugutekommen. Derzeit sei die 35-Stunden-Woche noch die Messlatte, auch über die 30-Stunden-Woche solle jedoch bald gesprochen werden, so Katzian in einem Presseinterview.

Die 15-Stundenwoche

Selbst einer der wichtigsten Ökonomen des letzten Jahrhunderts, John Maynard Keynes nämlich, war der Meinung, dass durch die technische Entwicklung im 21. Jahrhundert nur noch eine 15-Stundenwoche notwendig sei. Davon sind wir jedoch weit entfernt. Die technische Entwicklung schreitet zwar voran. Die Digitalisierung verändert unser Arbeitsverhalten nachhaltig. Der Trend geht jedoch eher in die andere Richtung: wir arbeiten immer mehr, Überstunden gehören zum guten Ton, wer mehr arbeitet gilt als leistungsfähiger. Für die große Mehrheit unserer Gesellschaft besteht die Woche zu einem Großteil aus Arbeit. Das Wochenende dient dann zur Erholung. Zeit für Familie, Freunde und Hobbies ist rar. Unser Leben ist tatsächlich sehr arbeitszentriert.

Einige schuften bis zum Umfallen, andere hingegen sind arbeitslos. Arbeit müsse umverteilt werden, meint der Soziologe Richard Sennett, so dass jeder Bürger einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann – und zwar in Teilzeit. Das würde Europas vielfältige Arbeitsmarktprobleme lösen. Auch der Ökonom David Spencer tritt für eine Reduzierung der Arbeitszeit auf 30 Stunden ein – das Wochenende sollte dabei drei, idealerweise sogar vier Tage lang sein. Auch er ist der Meinung, dass unsere Gesellschaft zu jobzentriert ist. Seiner Meinung nach befinden wir uns in einem krankmachenden Teufelskreis aus zu viel Arbeit. Unterstützt wird dies von Politik und Wirtschaft. Zudem werden wir dazu angehalten, ständig neue Dinge zu kaufen, für die wir ständig mehr Geld benötigen und wiederum mehr arbeiten müssen. Der Ökonom ist überzeug, dass wir den Wert den wir Arbeit geben, überdenken sollten.

Zu teuer für die Wirtschaft

Gegner der Arbeitszeitsenkung sind der Meinung, dass alleine die Senkung von 40 auf 38 Stunden, wie sie von der Gewerkschaft gefordert wird, Mehrkosten für den österreichischen Staat in Millionenhöhe zur Folge hätte. Das Bundesbudget wäre dadurch stark belastet. Wirtschafts- und Unternehmensvertreter sind außerdem der Meinung, dass die Wirtschaft derzeit nicht belastbar sei und eine Verkürzung der Arbeitszeiten alleine aus finanziellen Gründen unmöglich wäre. Die größte Sorge der Arbeitnehmer, ist die Befürchtung, dass bei verkürzter Arbeitszeit, am Ende des Monats weniger Gehalt am Lohnzettel steht. Hier müssten Politik, Wirtschaft und Staat erst leistbare Lösungen finden.

Befürworter der verkürzten Arbeitszeiten hingegen sind überzeugt, dass sich die Wirtschaft das leisten kann. Mehr Freizeit macht glücklich – auch im Job. Glückliche Menschen sind leistungsfähiger. Außerdem würde die Umverteilung von Arbeit möglicherweise zu einer Lösung der Arbeitslosigkeit in vielen Ländern beitragen. Ständiger Druck und zu viel Stress wirken sich auf Motivation aus, verursachen Depression und können schließlich zum Burnout führen. Arbeit kann daher auch krank machen. Spencer ist der Meinung, dass weniger Arbeit die Produktivität steigert. Eine Studie der OECD zeigt auch, dass mit weniger Stunden pro Woche ein höheres Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet werden kann. Weniger Arbeit schafft nicht nur mehr Lebensqualität, sondern steigert demnach auch die Produktivität.

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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.