Visionen
#Employer Branding & Personalmarketing | Barbara Oberrauter

Visionen im Unternehmen

Wie Visionen Veränderungen antreiben

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“: Was der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt so salopp formuliert hat, gilt für Unternehmen nur sehr eingeschränkt. Warum sich Firmen mit einer klaren Zielvorstellung in Veränderungsprozessen leichter tun und wie man auch widerständische Mitarbeiter an Bord bekommt, erzählt Unternehmensberater und Visionär Oliver Schrader im Interview mit JOBnews.at.

JOBnews.at: Herr Schrader, wozu brauchen Unternehmen überhaupt Visionen?

Oliver Schrader: Der Wettbewerb verlangt nach immer neuen Entwürfen, die von Herz und Ideen getragen werden. Wenn ich als Firma so etwas plane, müssen die Mitarbeiter, die das umsetzen, auch einen Sinn darin erkennen. Ohne Sinn kann ich das vielleicht mit Zwang durchsetzen. Aber je mehr Wissens- und Kreativarbeit verrichtet werden soll, desto eher sind die Arbeitserzeugnisse davon abhängig, dass die Leute daran glauben, was sie tun.

Welche Visionen funktionieren in der Hinsicht am besten?

Oft stellt sich die Firmenleitung hin und sagt, wir brauchen 20 Prozent mehr Umsatz oder sonstwas. Natürlich kann Geld ein Ansporn sein – oft klappt das aber auch nicht. Eine gute Vision kennzeichnet. dass sie an Kultur, Interessen und Sichtweisen der Mitarbeiter und Stakeholder andockt. In einer Organisation kommen unterschiedliche Leute aus verschiedenen Regionen und Lebensabschnitten zusammen. Da muss ich mir einmal anschauen, was denen ein Anliegen ist und welche Begeisterungen in denen schlummern.

Inwiefern verbindet sich dann das mit den Zielen des Unternehmens?

Eine gute Vision muss natürlich auch dem Unternehmen nützen und sich mit dem Geschäftsmodell verbinden. Visionär ist, was das Unternehmen stärkt und handlungsfähig macht. Da braucht es neben einem guten Entwurf auch einen Kommunikationsprozess, der diese Vision vermittelt. Die großen Visionäre waren auch große Kommunizierer. Sie haben sich den Mund fusselig geredet – aber auch zugehört. Eine Vision zu vermitteln, ist keine One Way-Kommunikation.

Visionen darf man also nicht von oben herab vorschreiben?

Die Initialzündung kann schon von einem Einzelnen ausgehen, der ein inneres Bild mitbringt. Dann muss aber auch Platz für andere sein, die mitträumen und mitentwickeln wollen. Gute Visionen fassen Strömungen auf, die vorher schon da sind, und schaffen es einem gut durchdachten Kommunikationsprozess, diese immer weiter zu verfeinern. Man kann nicht einfach einen Satz hinschreiben und glauben, dass der jetzt funktioniert. Im Gegenteil: Man muss immer wieder in den Dialog und in die Diskussion gehen und die gesamte Belegschaft als Entwicklungshelfer mit einbeziehen.

Wie macht man das am besten?

Indem man die Details und Feinheiten einer Vision nicht allzu genau vorbestimmt, sondern die Leute selbst ausgestalten lässt. Visionen vom Reißbrett sind schwer lebbar. Eine gute Vision wird von denen, die sie leben, befüllt. Wenn man einen guten Kommunikationsprozess hat und eine Vision, die nicht nur Köpfe, sondern auch Herzen erreicht, hat man eine Chance, eine kritische Masse von Mitarbeitern zu erreichen.

Eine Vision der Herzen sozusagen?

Sie werden in jedem Unternehmen Leute treffen, die stolz darauf sind, was sie tun. Man muss sie nur mal fragen! Wenn man den Menschen zuhört und sie Dinge auch ausprobieren lässt, bekommt man oft ganz erstaunliche Resultate. Wichtig ist, möglichst glaubwürdig und ehrlich zu sein und seine Ziele auch transparent zu machen.

Welche Rolle spielt die Führungsetage bei der Vermittlung und Umsetzung von Visionen?

Wenn ein tiefgreifender Wandel stattfinden soll, muss die Führungsebene natürlich mit im Boot sein. Das heißt aber nicht, dass der Initialimpuls von dort kommen muss. Für einen solchen Prozess braucht es relativ reife Führungskräfte, die auf das hört, was im Unternehmen vorhanden ist.

Welcher Weg zur erfolgreichen Umsetzung ist der vielversprechendste?

Je nach Unternehmen gibt es natürlich verschiedene Wege. Die wahrscheinlichste Strategie zum Erfolg ist, sich mit ein paar Keyplayern zusammenzusetzen und zu überlegen, was im Unternehmen einen Unterschied machen würde. Was wollen und müssen wir bewegen, wo wollen wir hin? Da braucht es einen Prozess der Vorab-Überlegung in einem kleineren Team, die das dann ins gesamte Unternehmen hineintragen.

Gibt es auch Hindernisse auf dem Weg zur Vision?

Was vielen Visionen im Weg steht, sind gewachsene Strukturen. Wenn ich diese Strukturen nicht angreife, können Visionen auch nicht wirksam werden. Von Einkauf über Prozessgestaltung hin zu Bürogebäude und Vergütungssystemen muss alles mit der Leitvision übereinstimmen. Diese Strukturen sind im Zweifelsfall sonst nämlich hartnäckiger als eine Vision.

Wie geht man mit Widerständen aus der Belegschaft um?

Veränderung kann unbequem und ungewiss sein ? ein gewisser Widerstand bei den Mitarbeitern ist also durchaus verständlich. Viele haben auch erlebt, dass mehr als die Hälfte aller Veränderungen scheitern und die ganze Anstrengung umsonst war. Denen muss man ganz ehrlich sagen, dass auch diese Veränderung keine Garantie hat ? aber wenn nichts passiert, könnte das noch gefährlicher sein, als wenn sich gar nichts ändert. Wenn ich es schaffe, die Nein-Sager mit in die Diskussion zu nehmen, kann ich vieles abfedern und Unsicherheiten ausräumen. Da sind wir dann wieder beim Kommunikationsprozess. Der muss alle umfassen.

INFO:

Trainconsulting

Bildnachweis: thinkstock.de



Verwandte Artikel






Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.