Trauer am Arbeitsplatz
#Recruiting | Barbara Oberrauter

Trauer am Arbeitsplatz

Mitarbeiter begleiten, Leistungsfähigkeit erhalten

Es ist wohl eines der traurigsten Themen, die einen im Arbeitsleben treffen: Ein Todesfall im Mitarbeiter- oder Kollegenkreis. Neben unerwarteten Emotionen und der Trauer, die es zu bewältigen gilt, muss in den meisten Fällen der Betrieb aber aufrechterhalten und Leistungsfähigkeit gezeigt werden. „Wenn ein Todesfall das Team erschüttert, muss die Arbeit trotzdem bewältigt werden. Für Trauer ist in der Regel nur wenig Platz. Und vielfach bleiben Mitarbeiter mit ihren Fragen, ihren Tränen und ihrer Betroffenheit allein“, schildert die Ethikberaterin Mechthild Herberhold den Ausnahmefall, der jedoch in einem Unternehmen eintreten kann.

Stirbt ein Mitglied der Belegschaft unerwartet, sind sowohl Führungskräfte, aber auch Mitarbeiter im Personalmanagement gefragt, um die restliche Belegschaft aufzufangen und Trauerarbeit zu leisten. „Für die Belegschaft ist das Verhalten der Leitungen bei einem Todesfall von entscheidender Bedeutung“, erzählt Herberhold. „Eine positive, offene Reaktion erleben MitarbeiterInnen als Wertschätzung und Respekt – dem Toten gegenüber und auch ihnen selbst gegenüber. Bei einem Trauerfall sind Menschen in der Regel besonders sensibel. Wie die Betriebsleitung reagiert hat, bleibt daher lange im Gedächtnis.“

Trauer als Energiequelle

Oft sind Führungskräfte mit der Situation jedoch überfordert oder trauern selbst. Um in so einer Situation die richtigen Worte zu finden und menschlich zu bleiben, bietet der Bestatter und Trauerbegleiter Fritz Roth an seiner Trauerakademie in Köln Unternehmen Seminare zum richtigen Umgang mit Trauernden an. „Trauer ist eine große Energiequelle, man muss ihr aber Platz geben – und zwar dort, wo das Leben stattgefunden hat. Also auch im Büro“, sagt Roth.

Er rät, die Mitteilung über den Tod eines Mitarbeiters und Kollegen dem Trauerberater zufolge auf jeden Fall persönlich zu überbringen. Das wahrt nicht nur einen würdevollen Rahmen, sondern ermöglicht auch einen ersten Austausch in einem Moment des Schocks. „Mitarbeiter, die auch am Arbeitsplatz ihre Trauer leben dürfen, sind langfristig zufriedener und produktiver. Trauern ist eine wichtige Fähigkeit, um mit Verlusten umzugehen und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Umgekehrt macht nicht gelebte Trauer krank und kann von Schlaflosigkeit über Schmerzen bis hin zu Depressionen führen“, sagt Herberhold.

Erinnerung an Verstorbene auch im Büro würdigen

Um die Erinnerung an einen verstorbenen Kollegen und Mitarbeiter zu würdigen, können Mitarbeiter, Vorgesetzte, aber auch die Personalabteilung Kondolenzschreiben an die Hinterbliebenen verfassen und eine Kranzspende ins Auge fassen. Besonders die engsten Kollegen bräuchten nach einer überraschenden Todesnachricht Zeit, den Verlust zu begreifen und zu verarbeiten, erzählt Roth. „Man kann beispielsweise eine Kerze für den Verstorbenen auf dessen Schreibtisch anzünden, die nächste Teambesprechung dem Toten widmen und sich gemeinsam an ihn erinnern.“

Der Besuch einer Trauerfeier oder des Begräbnisses setzt ein deutliches Zeichen, dass einem der Verstorbene im Berufsalltag wichtig war und ermöglicht gleichzeitig einen Abschied von einem Weggefährten aus dem Büro. Auch wenn es keine gesetzliche Verpflichtung gibt, sollten Firmen ihre Mitarbeiter dafür freistellen und so dafür sorgen, dass keine beruflichen Verpflichtungen diese vom letzten Abschied abhalten. „Nicht verarbeitete Trauer hemmt den Menschen in seiner Lebensenergie und somit in seiner Leistungsfähigkeit“, so Roth.

Trauerbegleitung stärkt Mitarbeiterbindung

Das betrifft nicht nur Todesfälle im Büro: Geht man von einer durchschnittlichen Sterblichkeitsrate von einem Prozent der Bevölkerung pro Jahr aus, sind mindestens fünf Prozent der Mitarbeiter akut betroffene Angehörige ersten Grades, etwa als Kinder oder Eltern jüngst Verstorbener. Roth: „Rechnet man Betroffene anderer Verlustsituationen hinzu und berücksichtigt man die Dauer von Trauerprozessen, ergeben sich durchschnittlich über zehn Prozent akut betroffener Mitarbeiter eines Unternehmens.“

Nicht zuletzt für die Mitarbeiterbindung gilt es daher, ihnen in schweren Lebenssituationen in einem trauerfreundlichen Umfeld zur Seite zu stehen. So erhalten etwa die Partner verstorbener Google-Angestellten zehn Jahre lang ein halbes Gehalt, gibt Google-Personalmanager Laszlo Bock im Magazin „Forbes“ an. Außerdem würden sofort alle Aktienoptionen eingelöst, die Kinder bekämen 1.000 Dollar im Monat, bis sie 19 werden. Wenn sie studieren, verlängert sich diese Fortzahlung bis 23 Jahre. Da Themen wie Trauer, Verlust und Abschied nur selten Teil der Portfolios einer Führungskraft sind, empfehlen Experten neben dem Beiziehen externer Trauerberater auch Schulungen für Führungskräfte.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um kosmetische Hygienemaßnahmen, sagt Ethikexpertin Herberhold: „Dass Mitarbeiter krank sind, weil sie Trauer verdrängen, kann sich kaum ein Betrieb leisten. Auch dass ein Team in derartigen Krisensituationen durch Sprachlosigkeit, Ohnmacht und Unkenntnis auseinanderbricht, liegt nicht im Interesse der Firmen.“ Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, kann Trauerbegleitung durchaus als Kosteneinsparungsfaktor betrachtet werden, ist Roth überzeugt: „Auf Dauer macht nicht gelebte oder nicht zugelassene Trauer krank. Diese Belastungen rufen Kosten hervor, die bei weitem die Kosten übertreffen, die deren rechtzeitige Behandlung verursachen würden.“

Weitere Infos zum Thema Trauer am Arbeitsplatz finden Sie hier:  http://www.ethik-konkret.de/index.htmlhttp://www.puetz-roth.de/



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.