Absolventen
#Employer Branding & Personalmarketing | Barbara Oberrauter

Was Talente wirklich wollen

So holen Unternehmen begabten Nachwuchs an Bord

Wer heute begabte Nachwuchstalente aus dem IT- und Wirtschaftsbereich einstellen möchte, sollte zu allererst auf eine gute Unternehmenskultur achten. Das ist eines der Ergebnisse des Graduate Barometers, das das trendence Institut unter rund 6.200 abschlussnahen Studierenden in Österreich durchführt. Demnach ist es der überwältigenden Mehrheit der Studierenden wichtig, dass das Unternehmen zu ihnen passt: Gefällt ihnen die Unternehmenskultur nicht, würden rund 60 Prozent einen Job ausschlagen. Andersherum würden rund 60 Prozent auf Gehalt verzichten, wenn ihnen die Kultur des Unternehmens gefällt. Was hinter diesem Sinneswandel steht, erklärt Claudia Kelz, CRM Director bei trendence, exklusiv im Interview mit JOBnews.at.

JOBnews.at: Frau Kelz, Welche Faktoren stehen hinter der gesunkenen Gehaltserwartung?

Claudia Kelz: Geld spielt für Absolventen nicht mehr die entscheidende Rolle. Viel wichtiger ist ihnen, dass sie selbstbestimmt arbeiten können, die Arbeit Spaß macht und sie mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen können. Für mehr Qualität im Leben nehmen sie auch ein geringeres Gehalt in Kauf. Gleichzeitig sind sie auch nicht mehr bereit, so viele Stunden im Büro zu verbringen. Das treibt eine Entwicklung auf die Spitze, was wir seit Jahren beobachten: Die Sinnsuche steht für die Absolventen immer mehr im Mittelpunkt.

Inwiefern können sich Unternehmen in Social Media besser positionieren, um den Erwartungen von BewerberInnen entgegenzukommen?

Vorab sollten wir mit einem Mythos aufräumen: Seit Jahren wird postuliert, ohne Social Media ginge im Personalmarketing gar nichts. Die Realität sieht aber – noch – anders aus: 2014 haben gerade einmal 45 Prozent der Wirtschaftsstudierenden und 31 Prozent der angehenden Ingenieure und Informatiker soziale Netzwerke genutzt, um sich über Arbeitgeber zu informieren. Dabei bieten soziale Netzwerke zwei wesentliche Vorteile, die sich Unternehmen zunutze machen sollten: Über Social Media können Bewerber mit Mitarbeitern im Unternehmen in direkten Kontakt treten. Sie erhalten schnell Antwort auf Fragen, die sie sich über den offiziellen Weg per Telefon an den zuständigen Personaler vielleicht nicht zu stellen getraut hätten.
Zum zweiten bekommen Talente durch die persönliche Note, die soziale Netzwerke unweigerlich haben, auch einen guten Einblick in die Unternehmenskultur des Arbeitgebers. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Kommunikation in sozialen Netzwerken stimmig ist mit der Kommunikation auf Karrierewebsite oder bei Karrieremessen. Außerdem sollten Firmen regelmäßig aktiv sein, einen natürlichen Umgangston pflegen und schnell auf Anfragen reagieren.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass Absolventen auch großen Wert auf „attraktive Arbeitsaufgaben“ legen. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Für die meisten Absolventen stehen drei Dinge im Vordergrund: Erstens möchten sie etwas tun, das ihnen Spaß macht und ihren eigenen Interessen entspricht. Dann wollen sie immer wieder etwas Neues anpacken und die Dinge selbst mitgestalten, also nicht nur monotone Aufgaben stupide abarbeiten. Und schließlich sollen die Aufgaben sie fordern und somit persönlich weiterbringen. Auch hier dreht sich also alles um Selbstverwirklichung und den tieferen Sinn in der Arbeit.

Wie können Unternehmen das in Stellenausschreibungen vermitteln?

Natürlich muss man in jedem Job auch mal unliebsame Aufgaben übernehmen, aber jeder Job hat tolle Seiten. Und die können Unternehmen oft schon mit kleinen Handgriffen und einzelnen Signalwörtern – zum Beispiel Verben oder Adjektiven wie „entwickeln“ oder „eigenverantwortlich“ – effektvoll hervorheben. Die Wirkung von solch kleinen Veränderungen können Arbeitgeber sehr gut in Copy Tests mit Absolventen aus der eigenen Zielgruppe überprüfen. Schließlich ist das eine große Investition, die zum Erfolg führen soll. Da lohnt es, die eigene Zielgruppe vorab zu befragen, um seine Entscheidung auf sichere Füße zu stellen.

Ihre Studie stellt auch fest, dass die Unternehmenskultur für Absolventen immer wichtiger wird. Was sollten Firmen diesbezüglich beachten?

Unsere Ergebnisse zeigen: Zwei von fünf Absolventen finden vorab keine glaubwürdigen Informationen über die Unternehmenskultur. Genau da ist der Ansatzpunkt für die Unternehmen: Zum einen müssen sie überhaupt erst einmal anfangen, über ihre Unternehmenskultur zu reden oder die Kultur erlebbar zu machen. Zum anderen muss das auch glaubwürdig sein. Das geht am besten über persönliches Erleben: im Praktikum, auf Messen, bei Veranstaltungen an den Hochschulen – aber auch direkt im Bewerbungsprozess oder über Social Media.

Mit jedem Einzelnen wird man aber nicht sprechen können.

Um die Kultur direkt erlebbar zu machen, helfen gut gemachte Arbeitgebervideos, aber auch lebendige Texte und Bilder. Wichtig ist, dass Unternehmen überhaupt über die Firmenkultur reden. Außerdem sollte man nicht auf den Schneeballeffekt vergessen: Rund zwei Drittel der jungen Talente hören auf ihre Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, wenn es um die Arbeitgeber- und Jobwahl geht. Haben sie gute Erfahrungen mit dem Unternehmen und seiner Kultur gemacht, erzählen sie es weiter. Das überzeugt auch die Absolventen.

INFO: trendence

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.