Schulabrecher coachen
#Recruiting | Andrea Heider

Schulabbrecher coachen

Coaching mit viel Feingefühl ist angesagt

„Sollte sich ein Schulabbrecher bewerben ist der HR-Beauftragte gefragt nicht das Offensichtliche zu sehen und zu bewerten, sondern zu hinterfragen, warum es zu diesem Abbruch kam.“ Dieter Negri Geschäftsführer und Personalberater von Negri Consulting.

Schulabbrecher haben es am Arbeitsmarkt schwer. Dabei sind die Gründe für einen Schulabschluss oftmals nicht unbedingt auf fehlende Intelligenz zurückzuführen. Viel eher gibt es für Schulabbrüche sowohl strukturelle, als auch individuelle Gründe – diese können jedoch sehr unterschiedlich sein. Häufig spielen leider soziale Selektion, wenig Unterstützung von Eltern und Umfeld, schlechte Leistungen, Schulangst, Mobbing oder persönliche Probleme dabei eine große Rolle. Nur allzu häufig landen viele Schulabbrecher jedoch in der Armutsfalle.

Ein frühzeitiger Schulabbruch vermindert Lebens- und Berufschancen, trägt zur Gesundheitsgefährdung bei, führt zu sozialer Ausgrenzung und häufig auch zur Arbeitslosigkeit. In Österreich kommt es jährlich zu etwa 53.000 Schulabbrüchen, das sind 7,3 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Im europäischen Vergleich steht Österreich mit diesen Zahlen noch relativ gut da. De Facto ist es allerdings sehr schwierig, diese Jugendlichen im Arbeitsmarkt zu integrieren. In Österreich sind Abschlüsse und Zertifikate für den Einstieg ins Berufsleben meist besonders wichtig. Beim Recruiting von Schulabbrechern ist daher besonderes Feingefühl gefragt.

Schulabbrecher rekrutieren

„Leider fördert unser Schulsystem nicht die Stärken von Jugendlichen, sondern versucht – mit aller Gewalt – Schwächen durchschnittlich zu machen“ bestätigt auch Dieter Negri. „Dadurch kommt es immer wieder zu Situationen, wo begabte junge Menschen ins Abseits geraten. Oft müssen diese dann im Erwachsenenalter mühsam und mit großem finanziellen Aufwand fehlende Module ihrer Teil-Ausbildung nachholen“.
Mögliche Gründe für einen Schulabbruch können, dem Personalberater zur Folge, neben schlechten sozialen Voraussetzungen auch Lernschwächen oder die falsche Schulform sein. Jugendliche sehen manchmal auch einfach keinen Sinn Aus- und Weiterbildungen zu absolvieren. Es kann allerdings auch sein, dass ein Jugendlicher die Schule vorzeitig abbricht, da er kein Interesse an Höherer Bildung hat, jedoch über ausgezeichnete operative Fähigkeiten verfügt. „Manche möchten einfach nur einen Beruf lernen“, meint Negri.

Mit Feingefühl coachen

Negri rät Recruitern mögliche Gründe für den Schulabbruch genauer zu hinterfragen und „hinter den Paravent des Offensichtlichen zu schauen“. Recruiter sollten dabei auf jeden Fall mit Feingefühl vorgehen und nicht nur beraten sondern auch coachen. „Man sollte dem Jugendlichen klar machen, dass momentane Unlust, Frustphasen, Leistungstiefs, der Wunsch, was von der Welt zu sehen zwar verlockend, aber schlechte Wegbegleiter sind!“ erklärt Negri. „Aus- und Weiterbildung heißt nicht nur Matura, Fachhochschule und Universität, sondern auch Lehre.“

Ein Abschluss in der Tasche ist Gold wert. Der Meinung ist auch Negri: „Was noch immer viele, vor allem der älteren Generationen vergessen: Handwerk hat goldenen Boden! Aber auch da bedarf es – um nicht unter zu gehen – Qualifikation!“ Erfährt der Berater die wirklichen Gründe für den Schulabbruch, ist es einfacher für ihn einzuschätzen, was der Jugendliche wirklich benötigt, welche Potentiale dieser hat und wie er bestmöglich im Arbeitsleben integriert werden kann. Negri: „Dies gelingt nicht immer, aber öfter, wenn der Berater sich auch Zeit nimmt den Menschen gegenüber nicht als Profit zu sehen, sondern als das was er ist: ein Mensch!“

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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.