Richtige Entscheidungen treffen
#Leadership | Team JOBnews

Richtige Entscheidungen treffen

Was Führungskräfte von Schiedsrichtern lernen können

Die ganze Welt blickt nach Brasilien, wo derzeit das Spiel um den neuen Weltmeister im Fußball in vollem Gange ist. Während Ronaldo, Müller und Casilles im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, schauen nur wenige auf jene, die im Spiel die wichtigsten Fäden ziehen. Das ist schade, denn gerade Führungskräfte und Entscheider könnten von Schiedsrichtern einiges lernen, sagt der ehemalige DFB-Schiedsrichter und Führungskräftetrainer Lutz Wagner im Interview mit JOBnews.at.

JOBnews.at: Herr Wagner, was können Führungskräfte von Schiedsrichtern lernen?

Lutz Wagner: Beide Gruppen können voneinander profitieren, weil sie ähnliche Aufgaben haben. Die Führungskraft ist oftmals im Unternehmen als Schiedsrichter gefordert. Umgekehrt sind Schiedsrichter auch als Führungskräfte tätig, weil sie 90 Minuten lang ein Projekt mit einigen Mitarbeitern leiten. Im Kernbereich geht es bei beiden um das Treffen von Entscheidungen. Wie bereite ich die Entscheidung vor, wie treffe ich sie, wie gehe ich mit Fehlern um? Schiedsrichter verfügen über hohes Anschauungspotential: Sie treffen in 90 Minuten an die 220 Entscheidungen. Man darf nicht vergessen, dass nicht nur das Pfeifen eine Enscheidung ist. Auch das Nicht-Pfeifen stellt eine bewusste Entscheidung des Schiedsrichters dar.

Wie bereitet man Entscheidungen nun angemessen vor?

Da gibt es zwei Phasen. In Phase eins mache ich mir im Vorfeld eines wichtigen Geschäftstermins oder Spieles Gedanken darüber, was alles passieren könnte. Wie wird mein Gegenüber reagieren, wo könnten Fallstricke liegen, welche Allianzen gibt es auf der Gegenseite?

Was passiert in Phase zwei?

Wenn ich nach diesen Überlegungen zu einer Verhandlung oder einem Spiel gehe, muss die Zeit des Fragens vorbei sein. Da treffe ich nur noch Feststellungen, und zwar ausschließlich positive. Ich muss über das notwendige Selbstbewusstsein verfügen und mich stark machen. Ich bin gut drauf, hab mich ordentlich vorbereitet und ähnliche Dinge schon mal gut über die Bühne gebracht. Wenn man sich in dieser Phase noch hinterfragt, verunsichert man sich letztlich selbst.

Wie kann man schnell richtige Entscheidungen treffen im Feld?

Entscheider haben zum einen die nötige Fachkompetenz, sind aber auch in der Lage, sehr schnell Fakten und Sachlagen zu erfassen. Ich muss auch überlegen, wie ich was in welcher Form gut rüberbringe. Die Art, wie Dinge präsentiert werden, ist elementar. Es nützt mir nichts, wenn ich eine gute Ware habe. Ich muss sie auch an den Mann bringen und das entsprechend umsetzen.

Ein zweiter Faktor ist das Zeitfenster. Das darf weder unter- noch überschritten werden. Ich darf niemals zu früh die Beweisaufnahme abbrechen, so nach dem Motto, das hatten wir alles schon mal, das kenne ich schon. Wenn ich das mache, entgehen mir oft wichtige Dinge oder ich vernachlässige den einen oder anderen Aspekt. Außerdem darf ich nicht zu lange zögern. Wenn ich das Zeitfenster überziehe, wird mir das niemals als wohlüberlegt ausgelegt, sondern als Unkenntnis.

Wie viel Zeit bleibt einem damit im Schnitt?

Ein Bundesliga-Schiedsrichter hat durchschnittlich 0.7 Sekunden Zeit für seine Wahrnehmung und einen Pfiff. Wenn sich der Schiri nur ein paar Sekunden mehr Zeit lässt, wird er Kritik und Reklamationen erhalten, weil das nicht mehr überzeugend wirkt. In der Wirtschaft ist das Zeitfenster natürlich größer. Wenn ich aber eine Entscheidung für 12 Uhr Mittags ankündige und diese erst um 15 Uhr treffe, dann wird das nicht positiv ausgelegt. Man kann sich zwar kleine zusätzliche Zeitfenster schaffen, indem man beispielsweise Rückfragen stellt, aber grundsätzlich muss man in der Lage sein, Fakten auf dem Tisch schnell zu sortieren und mit diesem Überblick auch rasche Entscheidungen zu treffen. Wenn alle Augen auf Sie schauen, sind Sie einfach unter Zeitdruck.

Welche Rolle spielt das Team bei solchen Entscheidungen?

Sie müssen ein Teamplayer sein, aber auch als Einzelspieler funktionieren. Die Balance ist wichtig, gerade weil eine Entscheidung ohne Akzeptanz nichts wert ist. Diese Akzeptanz generieren Sie, indem sie zunächst Ihr eigenes Team auf Ihre Seite bringen. Wenn Sie es dann noch schaffen, die gegenüberliegenden Seite auf Ihre Seite zu ziehen, ist das die Basis dafür geschaffen, dass eine Enscheidung gut angenommen wird.

Wie bringe ich das fertig?

Vom anderen Team wissen Sie im Regelfall vorher nicht, wie es aufgestellt ist. Damit Sie nicht von vornherein auf grundsätzliche Ablehnung stoßen, müssen Sie im Vorfeld auch bei kleinen Dingen Vertrauen generieren. Eine Basis der Akzeptanz bauen Sie auf, indem Sie nachvollziehbar, praxisnah und sachlich und fachlich begründbar entscheiden. Auch mit einem gewissen Bekanntheitsgrad kann ein Vertrauensvorschuss einhergehen. Schwierig ist es, wenn man Sie aufgrund eines Fehlers kennt.

A propos Fehler: Wie umgehen mit Fehlentscheidungen?

Jeder Entscheider trifft auch einmal eine falsche Entscheidung. Wichtig ist, dass die Fehler im Nachhinein analysiert werden und man schaut, wo die Ursache für den Fehler liegt. Dann muss man den Fehler aber auch abhaken können. Nichts ist schlimmer als eine Fehlentscheidung, der im Hinterkopf bleibt. Das führt nämlich zu Konzessionsentscheidungen, bei dem der alte Fehler mit in eine neue Bewertung genommen wird. Wenn Sie Ihre alten Entscheidungen ständig hinterfragen und mit sich ringen, sind Sie unkonzentriert und nicht mehr aufnahmefähig für neue Fakten. Und damit nicht mehr objektiv.

Welche Rolle spielt mein Team bei Entscheidungen?

Die Analyse geschieht natürlich meistens im Team. Ihre Kollegen dürfen Ihnen Ihre Fehler aber auch nicht nachtragen, das blockiert. Feedback ist dann gut, wenn es persönlich und sachlich ist und von Personen kommt, deren Fachkompetenz man schätzt. Da muss man in der Teamauswahl auch sehr überlegt vorgehen. Genau wie ein Bundestrainer sein Team nach gewissen Gesichtspunkten zusammenstellt, ist es auch in der Wirtschaft wichtig, dass man sich auf die anderen verlassen und ihnen vertrauen kann. Wenn ich da enorm großes Misstrauen habe, ist das keine gute Voraussetzung für das Zusammenarbeiten.

Was können sich Führungskräfte abschließend bei der laufenden WM von Schiedsrichtern nun konkret abschauen?

Die Kommunikation der Schiedsrichter mit den Spielern ist etwas, das man sich zum Beispiel ganz genau ansehen sollte. Der steht laufend mit den Spielern in Kontakt, sei es durch Mimik, Gestik oder Worte. Auch in Unternehmen ist es ungemein wichtig, immer wieder mit den Leuten zu kommunizieren. Damit kann man die nächste Entscheidung vorbereiten und Dinge auf den Weg bringen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, überhaupt Entscheidungen zu treffen – auch wenn sie unpopulär sind. Viel schlimmer als eine falsche Entscheidung ist nämlich gar keine Enscheidung. Eine Fehlentscheidung kann ich korrigieren, aber gar keine Enscheidung kann ein Vakuum hinterlassen, in dem gar nichts mehr weitergeht.

Bildnachweis: www.thinkstock.de



Verwandte Artikel






Team JOBnews
Team JOBnews

Das StepStone Marketingteam schreibt über neue und wichtige Themen sowie Trends im Online-Recruiting. Mit den beiden Jobbörsen www.stepstone.at und www.unijobs.at gehört Stepstone Österreich zu den wichtigsten Jobbörsen in Österreich.