#Trends im Recruiting | Barbara Oberrauter

Schluss mit Rumsitzen

Das Ende der Präsenzkultur birgt viele Chancen vor allem für Frauen.

Die Digitale Transformation verändert die Arbeitswelt – und damit auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die digitale Disruption gerade Frauen neue berufliche Entwicklungsperspektiven eröffnet. Denn: Ihnen bietet der Wandel die Chance, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren – und gleichzeitig an der eigenen Karriere zu feilen.

Digitale Abkehr vom Präsentismus

Möglich wird das durch die verstärkte Entkoppelung von beruflicher Leistung und Anwesenheit am Arbeitsplatz, ist die deutsche Forscherin Annette Kirschenbauer überzeugt. Sie hat die Auswirkungen der Digitalisierung auf männliche und weibliche Berufsverläufe untersucht und fordert eine Abkehr vom – derzeit noch überall herrschenden – Präsentismus. „Durch den Einsatz neuer Technologien verändern sich Arbeitsweisen, Arbeitsstrukturen und damit Hierarchien und Kommunikationsweisen fundamental. Die Präsenzzeit der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz geht in ihrer Bedeutung zurück, es kann vermehrt mobil und zeitflexibel gearbeitet werden. Das macht individuelle Aushandlungen möglich und stellt rollentraditionelle Aufteilungen in Frage. Darin liegt großes Potential zur Neuaushandlung der Geschlechterverhältnisse hinsichtlich einer besseren Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatsphäre.“

Führen in Teilzeit – Für Männer und Frauen

Gerade die junge Generation ist oft mehr an einer verbesserten Work-Life-Balance interessiert als am klassischen Karrierefortschritt. „Wir konnten feststellen, dass immer mehr der befragten männlichen Erwerbstätigen Ansprüche entwickeln, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Außerdem verliert Präsenz und Anwesenheit durch den Einsatz von Social Business Software immer mehr an Bedeutung. Hier ist ein Ansatzpunkt, um Teilzeitarbeit auch für Führungskräfte und für Unternehmen attraktiver zu machen: Ist Präsenz am Arbeitsplatz nicht mehr ausschlaggebend für die Karriere, wäre auch ‚Führen in Teilzeit‘ möglich, für Frauen und Männer.“ Grundlegend, da sind sich die Experten einig, macht die Digitalisierung Arbeit komplexer und verlangt nach kollektiv vernetzten Strukturen und geteiltem Wissen statt nach Einzelexpertisen und „Silo“-Denken. Die Fähigkeit, Ideen und Konzepte verständlich zu kommunizieren, wird damit ebenso wichtig wie soziale und integrative Kompetenzen und neue Modelle der Partizipation. Im global vernetzten Arbeiten steht das Team im Mittelpunkt und nicht ein einzelner „egoistischer Macher“: Machtmenschen, die von oben herab diktieren, was zu geschehen hat, sind in Zeiten von mobiler Arbeit, Crowdworking und vernetztem Denken nicht mehr zeitgemäß.

Klassische ‚Frauenkompetenzen‘ gewinnen an Bedeutung

All dies bietet für Frauen, denen von jeher die Fähigkeit zur Empathie, zum vernetzten Kommunizieren und zur Einbindung zugeschrieben wird, große Chancen, ist Kira Marrs vom Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung überzeugt: „Beim vernetzten, kooperativen, transparenten, Wissen teilenden und auf kollektive Expertise setzenden Arbeiten, das die digitalen Techniken mit sich bringen, erfahren die ‚typisch weiblichen‘ Kompetenzen eine enorme Aufwertung. Ehemalige „Soft Skills“ würden zu „Hard Skills“ der modernen Arbeitswelt: „Gefragt sind agile, vernetzte, kommunikative, integrative Community-Manager, die Teams in flachen Hierarchien zum gemeinsamen Erfolg führen. Es wird kaum mehr Bühnen für individuelle Selbstinszenierungen, wie wir sie heute noch kennen, geben. Damit sind Frauen die idealen Change Agents der digitalen Transformation.“

Frauen müssen ‚digital skills‘ weiterentwickeln

Das scheinen sie auch selbst zu wissen: So stehen Frauen den veränderten Anforderungen in der hypervernetzten Welt grundsätzlich positiv gegenüber, zeigt eine aktuelle Studie des Consulting-Unternehmens Accenture. „Vor allem Frauen in Österreich, Deutschland und der Schweiz halten sich für gute Zuhörerinnen und glauben damit, eines der wichtigsten Skills für die Karriere im digitalen Zeitalter mitzubringen“, erklärt Sandra Babylon von Accenture. Sie fordert Unternehmen dazu auf, die Digital Skills von Frauen weiterzuentwickeln, um der Transformation in eine Arbeitswelt 4.0 gut gerüstet gegen überzustehen. „Unternehmen müssen mehr tun, um qualifizierten Frauen den beruflichen Aufstieg zu ermöglichen und dabei ihre digitalen Kompetenzen voll auszuspielen. Nur wer das Potenzial aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voll einzusetzen weiß, wird langfristig erfolgreich sein können.“
Bildquelle: www.istockphoto.com

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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.