Quereinsteiger
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Quereinsteiger

Unentdecktes Potential richtig rekrutieren

Sie fallen im Recruiting-Prozess oft schon in der ersten Runde durch den Rost: Quereinsteiger, die nicht zu hundert Prozent auf die gesuchte Stelle passen, werden von vielen Unternehmen frühzeitig aussortiert. Damit verschenken die Firmen allerdings einiges an Potential, sagt die Employer Branding-Beraterin Sylvia Knecht. Wie man Quereinsteiger richtig einschätzt und was sie für ein Unternehmen bringen können, erzählt sie im Interview mit JOBnews.at.

Frau Knecht, Was können Quereinsteiger, was andere nicht können?

Sylvia Knecht: Quereinsteiger steigern durch neue Denk- und Handlungsansätze Umsatz, Gewinn und Innovationsfähigkeit und schaffen einen anderen Blick auf die Dinge. Mit ihrer persönlichen und anderweitig erworbenen Fachexpertise lassen sich zum Beispiel Fragen eines Kunden viel besser beantworten. Es finden Transferleistungen statt, Dinge werden neu und in andere Richtungen gedacht.

Um wie viele Quereinsteiger geht es?

Wir sprechen allein in Deutschland von rund 1,2 Mio. Berufstätigen jährlich, die dem Markt tatsächlich zur Verfügung stehen können und in vielen Fällen einfach nicht abgerufen werden. Es handelt sich also schon rein zahlenmäßig um eine ernst zu nehmende Gruppe, die bis dato aber überhaupt nicht in den Fokus genommen wurde. Auch in den zahlreichen Förderprogrammen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels wird die Zielgruppe der Quereinsteiger bisher überhaupt nicht berücksichtigt. Viel relevanter als der numerische Aspekt ist meines Erachtens aber, dass wir hier sehenden Auges echtes Wissen brachliegen lassen und nicht abrufen. Und zwar in der Kombination mit einer echten Querdenkermentalität. Und erst diese Kombination bringt innovatives Gedankengut hervor, das die Unternehmen weiterbringt.

Inwiefern profitieren Unternehmen von diesem ungewöhnlichen Wissen?

Quereinsteiger bringen oft Fähigkeiten mit, die über andere Stellenbeschreibungen dringend gesucht werden. Wenn man konsequent denkt, könnte man hier viel an Consulting-Kosten sparen, nur weil man sich auf anderes Denken einlässt.  Ich rate Unternehmen, auch einmal experimentelle Ansätze in der Personalbesetzung zu nutzen.

Eignen sich Quereinsteiger nur für bestimmte Branchen?

Ich vertrete die These, dass in jedem Unternehmen die Möglichkeit besteht, Quereinsteiger einzustellen. Vor allen Dingen dann, wenn man bereit ist, seine internen Bewerbungs-Prozesse entsprechend anzupassen. Das klassische Einstellungsverfahren passt hier nicht. In den Gesprächen mit Quereinsteigern  ist mir immer wieder bestätigt worden, dass sie als Bewerber in den Unternehmen überhaupt nicht wertschätzend behandelt wurden. Erst wenn man einen Vermittler- z.B. über die Bundesagentur oder Headhunter – dazwischen schaltet, kommt Bewegung in die Sache.

Wie rekrutiert man Quereinsteiger am besten?

Damit Vorstände und Personaler bereit sind, Quereinsteiger einzustellen, ohne für beide Seiten eine exotische Situation zu schaffen, ist es unumgänglich, sich darauf einzulassen, die Kompetenzen und Erfahrungen der Bewerber zu nutzen ? und nicht nur belegbares Wissen. Im Bewerbungsprozess sollten daher Persönlichkeitsmerkmale eine Gleichstellung zu fachlichen Qualifikationen bekommen. Fachbereichsleiter und Gewerkschaftsvertreter müssen im Unternehmen ebenfalls mitziehen und nicht die Bewerbung eines Quereinsteigers als exotisches Abenteuer oder Notbehelf betrachten. Das heißt aber auch, den klassischen Bewerbungsprozess beim Quereinsteiger ad acta zu legen: Das gilt sowohl für das Einstellungsgespräch als auch für das Assessment-Center und die vorgegebenen Karriereschritte.

Dennoch wird man die Kompetenz von Quereinsteigern irgendwie sichern müssen.

Immer wieder wird mangelnde Qualifizierung als Problem beim Einsatz von Personen mit einem nicht zu dem Anforderungsprofil passendem Hintergrund genannt. Bei regulären Bewerbern werden fehlende Qualifikationen aber einfach im Rahmen einer Fortbildung ausgemerzt, während die selbe Lücke bei Quereinsteigern plötzlich zum „Problem“ wird. Solange wir dieses Denken nicht aufgeben, solange werden gute Quereinsteiger keine Chance haben. Das ist bedauerlich – nicht nur für die Quereinsteiger selbst, sondern auch für die Unternehmen, denen echte Chancen entgehen.

Gibt es Unternehmen, die schon umgedacht haben?

Mittlerweile haben einige Unternehmen Quereinsteiger und ihre unverwechselbaren Talente für sich entdeckt. Lufthansa etwa bietet mit JOPP ein Praxis-Programm, das sich speziell an Absolventen aus wirtschaftsfernen Studiengängen richtet. Auch bei Adidas und Audi zeigt man sich offen gegenüber Quereinsteigern. Mein Rat daher an Personaler: Öffnet Euch der Vielfalt!

INFO: Sylvia Knecht: „Erfolgsfaktor Quereinsteiger -Warum Berufswechsler die Chance für Deutschlands Fachkräftemangel sind“  Gabler Verlag 2014, ISBN-13: 978-3658026875, 34,99 Euro.

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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