Personalentscheidungen
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Personalentscheidungen

Aus dem Bauch heraus?

Der Bauch sagt nein, der Kopf sagt ja – auf was soll man hören? Gerade bei Personalentscheidungen wird immer wieder versucht, möglichst objektive Kriterien anzulegen, um den besten Bewerber auszuwählen. Warum objektive Entscheidungen gar nicht möglich sind und Personaler besser auf ihr Bauchgefühl hören sollten, erklärt Benjamin Apelojg, Professor für Technologie und berufliche Orientierung von der Universität Potsdam, im Gespräch mit JOBnews.at.

JOBnews.at: Herr Apelojg, gibt es die objektive Personalentscheidung überhaupt?

Benjamin Apelojg: Ganz klar: Nein. Auch nicht bei multimodalen Interviews und objektiven Verfahren in der Personalauswahl. Wenn man sich die Ergebnisse aus der Hirnforschung und Verhaltensökonomie anschaut, hat sich das Paradigma der Objektivität aufgelöst. Die Frage ist mittlerweile eher, wie Emotionen und Kognitionen zusammenhängen.

Warum legt man überhaupt so viel Wert auf objektive Personalauswahl?

Benjamin Apelojg zu Personalentscheidungen

Benjamin Apelojg zum Thema Personalentscheidungen

Personalentscheidungen sind Entscheidungen, die unter großer Unsicherheit getroffen werden. Ich muss eine große Anzahl an Faktoren berücksichtigen: Wo kommt der Bewerber her, kann ich den Unterlagen vertrauen, wie wird er sich ins Unternehmen einfinden etc. Vor diesem Hintergrund ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Objektivität natürlich verständlich. Die Frage ist aber vielmehr, wie komme ich überhaupt zu einer Bewertung? In dem Fall kommen dann unsere Emotionen ins Spiel: Sie zeigen uns, was für mich bei einer Entscheidung überhaupt wichtig ist, etwa die Berufserfahrung oder Know-How in einem bestimmten Bereich.

Welchen Stellenwert haben Emotionen bei der Personalsuche?

Ohne Emotionen fehlt einem sozusagen der Marker, was wichtig ist und was nicht. Zudem haben Personalentscheidungen auch immer etwas mit Beziehungen zu tun – schließlich arbeitet man mit den Menschen zusammen. Da geht es um die Passung zur Firmenkultur: Sie müssen sich mit den Leuten wohlfühlen, mit denen Sie zusammenarbeiten. Wenn die Auswahlmöglichkeiten da sind, sollte man diesen Cultural Fit auf jeden Fall überprüfen. Das kann ich aber nur emotional spüren und nicht objektiv erkennen.

Welche Emotionen können meine Personalentscheidung beeinflussen?

Da gibt es keine Einschränkung. Angst, Freude, Lust oder Unsicherheit, das kann alles Personalentscheidungen beeinflussen. Grundsätzlich können Gefühle eine unterschiedliche Basis haben. Zum einen kann ich es mit einer Situation zu tun haben, die in mir Gefühle auslöst, etwa die Sorge, dass ich nicht genügend gute Bewerber auf dem Markt finde. Emotionen können aber natürlich auch mit mir selbst zu tun haben, und in solchen Fällen gibt es dann die Auswahlfehler.

In welcher Hinsicht werden hier Fehler gemacht?

Wenn ich beispielsweise mal schlechte Erfahrungen mit Menschen, die einen Vollbart tragen, gemacht habe, kann sich das im Bewerbungsgespräch auswirken, wenn genau so ein Kandidat vor mir sitzt. Auf der anderen Seite kann ich gerade vor dem Gespräch ein tolles Erlebnis gehabt oder mich wahnsinnig gefreut haben. Wenn ich dann mit diesen positiven Empfindungen ins Auswahlgespräch gehe, wirkt sich das natürlich auch aus. Ein ganz bekannter Auswahlfehler ist auch der so genannte Überschattungseffekt: Wenn man zehn positive Dinge erlebt und eine negative Erfahrung macht, dann überschattet das alles.

Wie könnte man solche Fehler vermeiden?

In größeren Unternehmen gibt es das Prinzip, dass man nach so und so vielen Auswahlgesprächen eine Pause machen muss. Die Erschöpfung wirkt sich sonst negativ auf den Auswahlprozess aus. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass Emotionen in der Auswahlentscheidung immer eine Rolle spielen. Gerade große Unternehmen setzen besonders gerne objektivierende Verfahren ein, das Gefühl ist da gar nicht zugelassen. Der Versuch, das objektiv zu gestalten, ist aber völlig überzogen: Sogar der Beobachter hat ein Gefühl und schaut damit auf bestimmte Dinge.

Welche Schritte können Personalabteilungen setzen?

Je mehr man mit den Leuten im Unternehmen zu tun hat, desto eher kann man sich auf seine Gefühle verlassen. Personalabteilungen könnten bei Personalentscheidungen beispielsweise im Vorfeld abfragen, was den Leuten im Unternehmen eigentlich wichtig ist, auch im Bezug auf die Beziehungsebene. Diese Informationen kann man dann auch in den Interviews für die Vorauswahl berücksichtigen.

Sollten Personaler generell mehr auf ihr Bauchgefühl hören?

Personaler haben unterschiedliche Einschätzung ihren Emotionen gegenüber. Manche setzen sehr darauf, andere sagen, ich darf ja nicht auf meine Gefühle hören. Vor allem Menschen, die sich selbst gering schätzen, misstrauen ihren Gefühlen. Der erste Schritt ist einmal, sich bewusst zu machen, wie man mit seinen Gefühlen umgeht: Vertraue ich meinem Gefühl oder brauche ich etwas mehr Sicherheit? Dann muss man ins Unternehmen schauen: Sind hier Gefühle zugelassen, welchen Stellenwert haben sie, werden sie von meinen Mitentscheidern überhaupt berücksichtigt und ernst genommen?

Gefühle auf den Tisch?

Man sollte Gefühle ernst nehmen, sie offen legen, darüber reden und sie integrieren. Es würde den Leuten auch helfen, wenn ihnen gesagt wird, vertrauen Sie ruhig mal Ihrer Erfahrung. Leute mit geringem Selbstbewusstsein treffen Entscheidungen häufig auch gegen ihr Gefühl. Das kann aber total in die Hose gehen, wenn man jemanden gegen sein Gefühl engagiert. Und eine Fehlentscheidung im Personalbereich kostet bis zu mehrere hunderttausend Euro.

Sind Bauchentscheidungen die besseren Entscheidungen?

Natürlich schützt eine Bauchentscheidung nicht davor, dass man am Ende trotzdem einen Fehler macht. Davor schützen aber Assessmentcenter oder das multimodale Interview auch nicht. Falsche Entscheidungen haben aber einen entscheidenden Vorteil: Sie stärken die Erfahrungsbasis, man lernt, sich auf seine Intuition zu verlassen. Wenn Gefühle gar keine Rolle spielen dürfen, können sie auch nicht aus positiven und negativen Erfahrungen lernen. Ein gutes Gefühl schützt zwar nicht vor einer Fehlentscheidung. Aber auf ein schlechtes Gefühl nicht zu hören, ist meistens eine falsche Entscheidung.

 

Buchtipp zum Thema Emotionen & Personalentscheidungen:
Benjamin Apelojg: Emotionen in der Personalauswahl: Wie der Umgang mit den eigenen Gefühlen Entscheidungen beeinflusst. Hampp, Mering, 234 Seiten, 24,80 Euro. ISBN-13: 978-3866184695

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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