Bernd Hufnagl im Interview zum Thema Multitasking in Dauerschleife
#Work & Life | Sandra Pillwatsch

Permanentes Multitasking

Unser ständiger Begleiter?

Das Buch „Besser fix als fertig. Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking“ von Neurobiologe Bernd Hufnagl nimmt unser Gehirn im alltäglichen Multitasking-Büroalltag unter die Lupe. In sechs Kapiteln zeigt er, wie unser Gehirn arbeitet und welche Folgen der „Multitasking-Modus“ mit sich bringt. Außerdem gibt er praxisnahe Tipps, wie hirngerechte Mitarbeiterführung aussehen kann. Im Interview mit Jobnews spricht er von der heilsamen Wirkung des Rasenmähens und lädt dazu ein, täglich Kurzurlaub zu machen.

Welchen Befund stellen Sie der österreichischen Arbeitswelt in Bezug auf die „Volkskrankheit“ Multitasking aus?

Neurobiologe Bernd Hufnagl

Neurobiologe Bernd Hufnagl zum Thema permanentes Multitasking

Obwohl unsere globalisierte Welt auch viele Vorteile bringt – Stichwort Vernetzung – machen sich bei vielen Menschen verstärkt Nebenwirkungen bemerkbar: Sie fühlen sich beschleunigt und fremdbestimmt. Vor allem auf Mitarbeiter-Ebene und im mittleren Management nimmt das Gefühl, Opfer zu sein, stets zu. Ressourcen werden weniger, und die Aggressivität steigt. Organisationen beschäftigen sich viel zu sehr mit sich selbst und zu wenig mit Produkten und Dienstleistungen. Die Komplexität nimmt zu. Die oftmals „zelebrierte“ Problem- und Vergangenheitsorientierung erschwert es Mitarbeitenden, die Sinnhaftigkeit ihrer eigenen Tätigkeit zu erkennen. Wir können nicht mehr richtig zuhören, wir mutieren immer mehr zu Sendern. Frei nach dem Motto: „Immer raus mit der Information aus unserem Gehirn“. Die Oberflächlichkeit nimmt zu, da sich Informationen innerhalb kürzester Zeit selbst überholen. Die Folge ist, dass wir oftmals Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterscheiden können und uns permanent überfordert fühlen.

Welche Strategien geben Sie Führungskräften an die Hand um „hirngerecht“ zu führen?

Um das süße Gefühl der Belohnung zu spüren, sind neurobiologisch zwei Rahmenbedingungen zu erfüllen. Erstens: Anstrengung. Mitarbeitende müssen Energie in etwas investieren, um das Belohnungshormon Dopamin freizusetzen. Diese Rahmenbedingung ist meist gegeben. Oftmals scheitert es jedoch an der zweiten Bedingung: einer zeitnahen Feedback-Schleife. Hier spreche ich nicht davon, dass Mitarbeitende ständig gelobt werden wollen, aber wir müssen zeitnah sehen können, wofür wir uns angestrengt haben. Ich nenne das die „Rasenmäher-Logik“: Ein unmittelbarer Ursache-Wirkung Zusammenhang ist entscheidend. Manager erzählen mir oft, dass sie sich in ihrer Freizeit besonders beim Rasenmähen entspannen.

Sie sprechen in Ihrem Buch u.a. vom so genannten „Offline-Modus“. Wie schaffen wir es zurück zum Offline-Modus? Zum Beispiel dann, wenn wir spätnachts hellwach im Bett liegen und innerlich „To do-Listen“ schreiben?

Anders gefragt: Haben Sie in der letzten Woche während der Arbeitszeit taggeträumt? Nur wenige würden diese Frage bejahen, doch genau das ist so wichtig. Machen Sie jeden Tag zumindest zwei „Kurzurlaube“ in Ihrem Gehirn. Lassen Sie die Gedanken ohne konkretes Ziel schweifen. Wenn Ihnen das schwer fällt, fehlt Ihnen genau diese kurze Auszeit vom „Funktionsmodus“. Setzen Sie sich für zehn Minuten auf eine Parkbank, riechen Sie an Pflanzen und nehmen Sie Ihre Umwelt bewusst wahr. Achten Sie darauf, immer wieder eine Außenperspektive auf Ihr eigenes Leben einzunehmen. Dass wir nachts oftmals nicht „abschalten“ können, liegt auch daran, dass unser Gehirn untertags nur mehr Dinge überfliegt, wir am Handy herumwischen und dadurch permanent unterschiedliche geistige Baustellen aufmachen.

Gibt es (Arbeits-)Welten, die besser funktionieren als unsere globalisierte Welt?

Jene Welt, wie sie vor 200.000 Jahren war. Warum so biologisch formuliert? Unser Hirn hat seither kein Update mehr erfahren und ist angepasst an die Welt unserer Vorfahren. Nichts von unserer „Hardware“ hat sich verändert, zum Beispiel unsere „Programmierung“ auf Ablenkbarkeit. 27 % der Arbeitnehmer ertappen sich bei Folgendem: In der Task-Leiste am PC sind unzählige Files offen, mit deren Bearbeitung zwar begonnen wurde, diese aber durch Ablenkung nicht mehr weiter verfolgt wurden. Um diese Fragmentierung der Arbeitswelt zu verhindern, müssten wir wieder zurück zur „Handwerker-Logik“. Handwerker können ihre Produkte ganzheitlich selbst „erarbeiten“ und sehen das Ergebnis ihrer eigenen Arbeit. Überall dort, wo die Finanzmarkt-Logik gilt, also Kurzsichtigkeit, Beschleunigung und Digitalisierung zunehmen, wird das aber nicht funktionieren.

Womit beschäftigt sich Ihre Firma „Benefit“ und mit welchen Anfragen treten Unternehmen an Sie heran?

Unternehmen wollen guter Arbeitgeber sein und ihre Arbeitskultur positiv verändern. Proaktives Gesundheitsmanagement ist nicht mehr wegzudenken und stellt eine „Win-win-Situation“ für die Mitarbeitenden und die Organisation dar. Die Mitarbeitenden lernen, anders miteinander zu kommunizieren, sich abzugrenzen und rechtzeitig nein zu sagen. Auf Systemebene arbeiten wir top-down mit Großkunden und unterstützen das Management darin, die Agilität in der digitalisierten „VUCA-Welt“ (Anm. kurz für volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) zu stärken.

Zuletzt gefragt: Was ist Bernd Hufnagls persönliches Ablenkungs-Laster und wie gehen Sie damit um?

Bei Menschen, die sehr langsam sprechen und nicht auf den Punkt kommen, entwickle ich eine leichte Ungeduld und versuche oft, Antworten zu antizipieren. Daran arbeite ich, denn wertschätzend und aktiv zuzuhören ist wichtig.

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Sandra Pillwatsch
Sandra Pillwatsch

Sandra Pillwatsch hat zwei Steckenpferde: Schreiben und Human Resources. Die weitgereiste HR-Expertin kombiniert beides in ihren Artikeln rund um das schöne neue Arbeitsleben. Mit einem Augenzwinkern durch die erfahrene Personalistinnen-Brille greift sie jene Themen auf, die das Job-Leben von heute und morgen betreffen.