Organisationales Burnout
#Work & Life | Barbara Oberrauter

Organisationales Burnout

Wenn ganze Unternehmen ausbrennen

Erschöpft, unkonzentriert und leistungsunfähig: Diese Symptome kennzeichnen Menschen, die am Burnout-Syndrom leiden. Sie können aber auch Anzeichen dafür sein, dass ein ganzes Unternehmen nicht mehr mit den Anforderungen zurecht kommt, die von der Umwelt gestellt werden. „Organisationales Burnout“ nennen Experten den Zustand, wenn ganze Firmen ausbrennen  – und der ist weiter verbreitet, als man denkt.

Hälfte aller Unternehmen burnout-gefährdet

So stellt eine aktuelle Studie von Heike Bruch von der Universität St. Gallen fest, dass rund die Hälfte der über 700 untersuchten Firmen an einem Energieschwund leiden. Dieser gleicht der Erschöpfungsspirale von Menschen, die sich Richtung Burnout bewegen. Die Produktivität geht zurück, das Unternehmensklima ist von Misstrauen geprägt, und viele der Beschäftigten fühlen sich erschöpft und resigniert. Besonders prekär: Der Wunsch zu kündigen steigt um fast 300 Prozent.

„Beschleunigungsfalle“? nennt Bruch die Ursache für ausgebrannte Unternehmen. „Dem Marktdruck versuchen Manager häufig durch fortlaufend höhere Leistungsvorgaben an ihre Mitarbeitenden, verdichtete Aufgaben, eine Vielzahl neu lancierter Projekte, verkürzte Innovationszyklen sowie häufig wechselnde Managementlösungen standzuhalten.“

Überlastete Mitarbeiter, mangelnde Ressourcen

Die Konsequenz, so Bruch: „In vielen Unternehmen sind die Mitarbeitenden chronisch überlastet und ganze Organisationen werden überhitzt oder in die Beschleunigungsfalle manövriert. Statt phasenweiser Hochleistung werden die Kapazitäten des Unternehmens und der Mitarbeitenden dauerhaft überstrapaziert.“ Dementsprechend klagen Mitarbeiter von erschöpften Unternehmen immer häufiger über mangelnde Ressourcen, ständigen Zeitdruck, fehlende Erholungsphasen und Umstrukturierungen ohne Ende. 83 Prozent sehen überhaupt „kein Licht am Ende des Tunnels.“

Auch auf den oberen Ebenen ist immer öfter Sand im Getriebe, bestätigt  Torsten Jung, geschäftsführender Gesellschafter der Beratergruppe Neuwaldegg, im Gespräch mit dem Standard. In der Phase der „kollektiven Verdrängung“ gehe immer mehr der Überblick verloren, und interne Abstimmungsschwierigkeiten würden zunehmend deutlich. „Ein ‚Alignment‘, also die gemeinsame Ausrichtung des Managements, ist nicht mehr spürbar“, so Jung. Auch die realistische Einschätzung, wo die Unternehmung im Spiel der Märkte stehe, gehe zunehmend verloren.

Zu hohe Zentralisierung Gift für Unternehmen

Die Folgen sind gravierend, zeigt die Studie von Heike Bruch: Arbeitgeberattraktivität und Vertrauensklima leiden, die Identifikation mit dem Unternehmen reduziert sich und die Leistung der Unternehmen sinkt deutlich. Um dem vorzubeugen, empfiehlt Bruch Unternehmen, zum einen auf eine stark ausgeprägte zielorientierte und inspirierende Führung zu setzen. Weiters seien eine schwache Zentralisierung und große Offenheit für unternehmerisches Mitarbeiterengagement wirkungsvolle Ansatzpunkte, die Beschleunigungsfalle zu überwinden oder zu vermeiden.

Um einem Burnout vorzubeugen, sind vor allem Führungskräfte gefragt, schlussfolgert die Studie: „Denn bei Überhitzung einer gesamten Organisation sind Interventionen notwendig, die auf der Ebene des Einzelnen nicht ausgeglichen werden können. Bei einer Projektflut hilft beispielsweise kein Zeitmanagementseminar, sondern die Klärung und Kommunikation der strategischen Ziele des Unternehmens durch die Führungskräfte.“

Bildnachweis: www.thinkstock.de



Verwandte Artikel






Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.