Gender Equality
#Allgemein | Sandra Pillwatsch

„Nicht schon wieder so ein Frauenthema“

Warum auch Männer von Gender Equality profitieren

Noch 170 Jahre bis Frauen und Männer am Arbeitsplatz gleichgestellt sind: Hat der Global Gender Gap Report wirklich Recht oder besteht doch noch Hoffnung?

Österreich liegt laut dieser Studie des Weltwirtschaftsforums bei der Gleichstellung von Mann und Frau auf Rang 52 weltweit. Bei der Lohngerechtigkeit gar nur auf Platz 100. Der 27. Februar 2018 markierte den Equal Pay Day in Österreich. Seit diesem Tag arbeiten österreichische Frauen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen „gratis“. Soweit, so schlecht.

„Die Gleichstellung der Geschlechter geht nicht nur die Frauen etwas an, sondern auch Männer“. Das ist eine der Kernbotschaften, die Gerhard Wagner, Obmann des 2016 gegründeten Vereins HeForShe Vienna formuliert. Im Gespräch mit uns erklärt er, wieso die Gleichstellung der Geschlechter keine Einbahnstraße ist und warum er hofft, dass seine Funktion zukünftig obsolet wird.

Herr Wagner, wie oft haben Sie schon die Frage gehört: Warum setzen Sie sich als Mann für die Gleichstellung von Frauen ein?

Überraschenderweise höre ich diese Frage zum Glück relativ selten. Die meisten Menschen finden gut was ich mache und das liegt natürlich auch an dem Umfeld, in dem ich mich bewege. Ab und an höre ich diese Frage allerdings und dann entgegne ich, dass es für mich selbstverständlich ist, dass ich in einer gerechten Gesellschaft leben möchte. Aus meiner Sicht braucht es Menschen, die sich für diese Gerechtigkeit einsetzen, denn von alleine passiert leider nichts.

Ich habe bereits in meinen Jugendjahren wahrgenommen, dass es strukturelle Problematiken in Bezug auf Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen gibt. Beispielsweise ist Entlohnung nicht immer nur von der eigenen Leistung abhängig, sondern auch vom Geschlecht. Hier möchte mich selbst aktiv einbringen und dagegen etwas tun.

Welche Vorteile bringt Gleichstellung einem Unternehmen tatsächlich? Was haben Frauen, aber auch Männer tatsächlich davon?

Die Gleichstellung der Geschlechter und die geförderte Diversität in der Belegschaft führen zu höherer Produktivität und Kreativität. Diese neuen Perspektiven schlagen sich auch im finanziellen Bereich mittel- und langfristig nieder, etwa durch eine geringere Fluktuation oder weniger rechtlichen Problemen aufgrund des Gleichbehandlungsgesetzes.

Der Arbeitsmarkt befindet sich aktuell in einem Umbruch und es gibt viele Männer, die nicht mehr dem tradierten Rollenbild entsprechen möchten. Sie möchten z.B. in Väterkarenz gehen und sich aktiv in die Kindererziehung einbringen. Dafür braucht es ein neues Verständnis von Arbeit und durch Gleichbehandlungsmaßnahmen kann vieles erreicht werden, das beiden Geschlechtern zu Gute kommt.

In der Theorie gibt es zig Vorschläge, wie Gleichstellung funktionieren könnte. Aber an konkreten praktischen Handlungsempfehlungen mangelt es. Was können ArbeitnehmerInnen auf der einen und Unternehmen auf der anderen Seite ganz konkret für die Chancengleichheit tun?

Es ist essentiell, dass ein Bewusstsein für andere Lebensrealitäten geschaffen wird. Unsere heutige Berufswelt ist immer noch ein hauptsächlich eine Männerwelt. Frauen müssen stärker in Prozesse und Entscheidungen eingebunden werden.

Es ist immer schwierig Universallösungen zu finden, da vieles von der Progressivität der Branche bzw. des Unternehmens abhängt. Grundsätzlich sollte Gleichstellung in der Unternehmensstrategie verankert und in sämtliche Prozesse eingebettet werden. Eine Genderquote, also das jenes Geschlecht bevorzugt aufgenommen wird, das aktuell unterrepräsentiert ist im Unternehmen kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Genderneutrale Personalgewinnung und Personalentwicklung sind weitere Bausteine in diesem Mosaik. Wie gestalte ich als Unternehmen meine Stellenausschreibung? Was sind unsere Arbeitszeitvereinbarungen und welche Hindernisse können diese strukturell für Frauen aber auch Männer nach sich ziehen? Möchte ich mich mit meinem Unternehmen dazu committen, ein transparentes Entlohnungssystem einzuführen? Dieses sind essentielle Fragen die sich Führungspersonen und Personalisten meiner Meinung nach verstärkt stellen sollten.

Zwei weitere Punkte: Soziale Aktivitäten, die das Miteinander im Unternehmen fördern, finden oft außerhalb der Arbeitszeit statt. Diese Aktivitäten sollten in die Arbeitszeit inkludiert werden, sodass sich alle daran beteiligen können. Größere Unternehmen können vor allem im ländlichen Raum damit punkten, dass sie Betriebskindergärten bzw. Nachmittagsbetreuung anbieten.

Stereotype Zuschreibungen davon, wie Männer bzw. Frauen im Berufsleben sein sollten um erfolgreich zu sein, halten sich hartnäckig. Ihr „best bet“ um diesen Zuschreibungen zu begegnen?

Ich denke, man muss den Zuschreibungen genauso hartnäckig begegnen wie sie sich halten. Vorurteilen kann man nur im Dialog begegnen. Meistens wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt, lösen sich die Stereotype von selbst auf. Erfolgsgeschichten von Role Models eignen sich meiner Erfahrung nach sehr gut, um Schritte in die richtige Richtung zu machen.

 „Nicht schon wieder so ein Frauenthema“. Viele Männer, aber auch Frauen reagieren bereits enerviert, wenn von Gender Equality bzw. Gleichstellung die Rede ist. Wie erklären Sie sich diese Abwehrhaltung? Wird vielleicht zu viel darüber gesprochen?

Grundsätzlich spricht man nicht zu viel, aber oftmals mit der falschen Intention über das Thema. Als erste Prämisse muss Gleichberechtigung und damit eine echte Chancengleichheit für alle gegeben sein. Mein Verständnis von Feminismus ist, dass es sich um Freiheitsbewegung handelt und es daher jeder Person freisteht, wie er oder sie gebotene Chancen wahrnehmen möchte. Der Begriff Frauenquote erfährt ja auch eine Hassliebe. Gender Equality ist stark mit Veränderungsprozessen verbunden, vor denen wir Menschen per se oft Angst haben. Viele befürchten einen damit einhergehenden Macht- und Privilegien-Verlust und daher ist die Debatte oft durchwachsen.

Eine vorsichtige Zukunftsprognose: Was ist 2030 in Österreich im Hinblick auf Gender Equality im Vergleich zu heute anders?

Ich denke, wir werden weitere Schritte in die richtige Richtung gemacht haben. Ich hoffe, dass wir den Gender Pay Gap drastisch reduzieren, vielleicht sogar halbieren können. Ich sehe, dass sich viele tolle Menschen, Organisationen und Vereine für das Thema engagieren. Unternehmen sind selbst Akteure und können den Prozess beschleunigen. Persönlich würde ich mir wünschen, dass wir z.B. eine Bundeskanzlerin oder eine Bundespräsidentin haben und man so auch gesellschaftspolitisch die Erfolge von Gender Equality sieht.

Wenn es echte Gleichstellung geben sollte, sind Sie dann arbeitslos?

Ich habe den Verein mit Kolleginnen und Kollegen mit dem Ziel gegründet, dass wir irgendwann überflüssig und nutzlos werden, da sich Gender Gerechtigkeit eingestellt hat. Persönlich hoffe ich wirklich stark, dass ich diesen Tag noch erleben darf. Mir wäre es also sehr recht, wenn es schneller als 170 Jahre ginge (lacht).

Gerhard Wagner

 

 

 

 

 

 

 

 

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Titelbild: anyaberkut/Quelle: www.istockphoto.com



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Sandra Pillwatsch
Sandra Pillwatsch

Sandra Pillwatsch hat zwei Steckenpferde: Schreiben und Human Resources. Die weitgereiste HR-Expertin kombiniert beides in ihren Artikeln rund um das schöne neue Arbeitsleben. Mit einem Augenzwinkern durch die erfahrene Personalistinnen-Brille greift sie jene Themen auf, die das Job-Leben von heute und morgen betreffen.






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