#Work & Life | Andrea Heider

Mitgefühl: Heute fühle ich mit

Mitgefühl und Anteilnahme im Büro können trainiert werden

Mitgefühl am Arbeitsplatz  – Organisationen und Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern mehr Mitgefühl und Anteilnahme entgegenbringen, dieser Meinung sind zumindest die Autorinnen und Arbeitspsychologinnen Monica Worline und Jane Dutton in ihrem Werk „Awakening Compassion at Work“. „Compassion“ zu Deutsch „Mitgefühl“ wird darin als stille Macht, die Mitarbeitern und ganzen Organisationen zu mehr Wertschätzung, Motivation und Engagement verhilft, beschrieben. Wozu soll das gut sein? Die Autorinnen sind überzeugt, dass Mitgefühl am Arbeitsplatz unter anderem Leistungsfähigkeit, Innovation, Serviceorientiertheit oder Zusammenarbeit fördert.

Mitgefühl? Was ist das überhaupt? Für viele Menschen hat Mitgefühl einen religiösen Beigeschmack, etwa wenn sie an Mutter Theresa denken. Mitgefühl ist irgendwie auch etwas, das wir gar nicht richtig fassen können, als unbedeutend oder selbstverständlich betrachten. Doch halt: Mitgefühl ist mehr. „Karuna“ übersetzt mit Mitgefühl, Mitleid, Sanftheit oder auch Barmherzigkeit ist ein zentraler Begriff der buddhistischen Ethik, der uns lehrt mit uns selbst und unserer Umwelt zu fühlen, eins zu werden und wertschätzend umzugehen.

Mitfühlender Austausch im Büro

Persönliche Rückschläge, wie etwa ein Todesfall, eine Scheidung, eine Verletzung oder gesundheitliche Problem bringen Emotionen in Aufruhr und können sich auf die Leistung eines Mitarbeiters auswirken. Trauriger weise haben jedoch Viele das Gefühl, dass der Arbeitgeber recht wenig Verständnis für schwierige Zeiten mitbringt. Tatsächlich: Im Arbeitskontext wird zu viel Anteilnahme fallweise sogar als schlechte Eigenschaft wahrgenommen. Schwächen sind nicht erlaubt, harte Entscheidungen müssen getroffen werden, die Leistung muss stimmen. Worline und Dutton sind jedoch überzeugt, dass dies von Chef- und Arbeitgeberseite der absolut falsche Weg ist. Im Gegenteil: Trauer, Leid und echte Emotionen können einer Organisation helfen, zu wachsen – in jeder Hinsicht.

Die Vermutung macht durchaus Sinn: Mitarbeiter, mit viel Kundenkontakt können sich besser um ihre Kunden kümmern, wenn sie das Gefühl haben, dass auch sie an ihrem Arbeitsplatz gut aufgehoben sind. Emotionale Wärme wird also weitergegeben. Teil eines Karuna Trainings ist mitfühlende Austausch mit anderen. Mitgefühl wird auch für die wissenschaftliche Forschung immer interessanter. So wurde beispielsweise festgestellt, dass Achtsamkeit einen positiven Einfluss auf Stress oder Depressionen hat. Umgewälzt auf den Arbeitskontext würde das also bedeuten: ein achtsamer, mitfühlender Umgang mit Kollegen und Belegschaft führt zu mehr Zufriedenheit und Ausgeglichenheit am Arbeitsplatz.

Mitgefühl kann trainiert werden

Mitgefühl kann sogar trainiert werden. Die amerikanischen Psychologen und Mitglieder des Stanford Center for Compassion and Altruism Research and Education Dan Martin von der California State University und Yotam Heineberg von der Palo Alto University haben ein spezielles Compassion-Training namens „CDD – Compassion development dyads“ für Führungspersönlichkeiten entwickelt. Das Konzept ist simpel, aber doch effektiv: Zwei Personen, die sich nicht kennen treffen sich über einen Zeitraum von acht Wochen einmal pro Woche via Skype, um über ihr persönliches Wohlbefinden zu sprechen. Bei dem Training sollen sich die Teilnehmer darüber bewusst werden, wie sie mit Stress und Bedrohungen im sozialen als auch im Arbeitskontext umgehen. Sie lernen spezielle Tools, wie etwa Selbstberuhigung, empathisches Zuhören oder eben Anteilnahme, im Gespräch anzuwenden.

Das Programm ist erfolgsversprechend: Die beiden Forscher haben es mit Studenten des CSU East Bay Campus getestet. Am Ende der Studie fühlten sich die Teilnehmer nicht nur mitfühlender, sondern glücklicher und zufriedener. Außerdem verbesserten sich ihre Leadership-Skills. 94% der Studenten waren mit dem Programm zufrieden und würden es sogar weiterempfehlen. Das Thema Mitgefühl ist vermutlich noch nicht so richtig am Arbeitsplatz angekommen. Wir sehen allerdings: Studien legen nahe, dass Mitgefühl den Arbeitsplatz zu einem besseren, schöneren Ort machen. Alleine für das individuelle Wohlbefinden der Belegschaft zahlt sich eine Auseinandersetzung mit Anteilnahme am Arbeitsplatz folglich auf jeden Fall aus.

Mitgefühl am Arbeitsplatz kultivieren

Ganz ehrlich: wer möchte nicht das Leiden auf der Welt verringern? Vielleicht sollten wir erst damit anfangen, das Leiden am Arbeitsplatz zu verringern und uns unseren Kollegen gegenüber mitfühlend verhalten? Mitgefühl am Arbeitsplatz – Wie könnten Arbeitgeber Mitgefühl im Unternehmen etablieren?

  •  Arbeitsgruppen gründen: Kollegen mit ähnlichen Aufgaben können sich vernetzen und austauschen.
  • Regelmäßige Treffen: bei denen Mitarbeiter motiviert werden ihre Erfolge und Misserfolge zu teilen. Nach dem Motto: Arbeiten ist Lernen.
  • Zu Mitgefühl ermutigen: wohltätige Aktivitäten des Unternehmens kommunizieren und Mitarbeiter dafür begeistern. Großartige Aktionen sollten auch offiziell gewürdigt werden.
  • Führungspersönlichkeiten als Role-Models: Ganz klar: Mitgefühl im Unternehmen muss von den Chefinnen und Chefs vorgelebt werden.

Anteilnahme für Kollegen zeigen

Wie ist es nun möglich Anteilnahme auf individueller Ebene im Unternehmen und unter den Mitarbeitern zu kultivieren? Worline und Dutton halten folgende vier Aspekte von mitfühlendem Verhalten am Arbeitsplatz fest:

  • Bemerken – Noticing: Erkennen, wenn es einen Kollegen schlecht geht (Körpersprache, Stimmlage, ungewöhnliches Verhalten am Arbeitsplatz). In einem privaten Setting fragen, ob alles in Ordnung ist.
  • Interpretieren – Interpretation: Das Leiden von Kollegen als real wahrnehmen, selbst wenn es Vorurteile oder Bias gibt.
  • Fühlen – Feeling: Mitfühlendes Verhalten an den Tag legen. Einfache Gesten können ausreichen: Türe aufhalten, Hilfe anbieten, Smartphones zur Seite legen bei Gesprächen.
  • Handeln – Acting: Mitfühlende Aktionen können auf den jeweiligen Kollegen, der sich in einer Krise befindet abgestimmt werden. Flexible Arbeitszeiten, ein freier Tag, empathisches Zuhören oder auch Jobsicherheit können Möglichkeiten sein.


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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.






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