Mensch oder Maschine
#Trends im Recruiting | Barbara Oberrauter

Mensch oder Maschine

Wer trifft bessere Entscheidungen?

Mensch oder Maschine – wer trifft die besseren Personalentscheidungen? Es war eine absolute Spielsensation: 2003 gewann eine bis dahin völlig unbekannte Baseballmannschaft in den USA 103 Spiele in Folge, und das in der heiß umkämpften Major Leage. Das hatten bislang nur die berühmten New York Yankees geschafft, und die ganze Welt fragte sich: Wie war das möglich? Hinter dem Sportwunder steckt simple Mathematik: Der Manager der „Oakland A’s“ hatte schlicht und einfach errechnen lassen, welche Spieler eingekauft werden sollten.

Damit hat er Personalgeschichte geschrieben: Nicht mehr Bauchgefühl und persönliche Entscheidungen standen im Vordergrund, sondern statistische Modelle, die die jeweilige Erfolgswahrscheinlichkeit und Passung der neuen Spieler errechneten. Mittlerweile setzt auch die deutsche Nationalmannschaft Big Data für ihre Spielanalysen ein – und hat damit den Weltmeistertitel geholt.

Personalentscheidungen mit People Analytics

Was im Sport mittlerweile gang und gäbe ist, kommt langsam auch in (heimischen) Personalabteilungen an. People Analytics heißt die Methode, anhand von Datengrundlagen Personalentscheidungen zu treffen. Ob im Recruiting, bei der Personalentwicklung oder für das unternehmensinterne Talent Management: Mittlerweile verlangen immer mehr Unternehmen von Personalern, ehemalige „Bauchentscheidungen“ und Prognosen für die Zukunft mit handfesten Daten zu untermauern.

Zu Recht, sagt der Personalforscher Torsten Biemann von der Universität Mannheim: „Generell überschätzt sich der Mensch in seiner Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen bei komplexen Datenlagen zu treffen. Studien zeigen aber, dass ein Algorithmus in vielen Situationen bessere Voraussagen treffen kann als Experten. Trotzdem verlassen sich Personaler weiter oft nur auf ihr Bauchgefühl.“

Big Data sagt voraus, wann ein Mitarbeiter kündigt

Und das, obwohl es bereits heute erfolgreiche Anwendungsmöglichkeiten für Big Data-Analysen gibt, zeigen Cornelia Reindl und Stefanie Krügl in einem Bericht für das Digitalmagazin t3n. Die Software „Insight Applications“ des Personalmanagement-Unternehmens Workday könne beispielsweise vorhersagen, wann ein Mitarbeiter den Job wechseln werde. Die Analyse zeige, wann ein Mitarbeiter mit vergleichbarem Werdegang und Qualifikationen im Schnitt das Unternehmen verlässt – und gäbe Vorgesetzten damit zumindest theoretisch die Möglichkeit, rechtzeitig einzugreifen.

Auch der Generationenwechsel kann mithilfe von Big Data besser geplant werden, sagen zumindest die IT-Berater von Dynaplan: Sie haben eine Simulationssoftware entwickelt, die sowohl Unternehmenszahlen und Unternehmensstrategie integriert, als auch eine Altersanalyse macht. Die Software hilft zu erkennen, wann gehandelt werden muss, um nachrückende Mitarbeiter ebenso gut auszubilden wie jene Führungskräfte, die in Pension gehen.

Effektivität der HR-Maßnahmen mit Big Data untersuchen

Grundsätzlich, so Biemann, ließen sich mithilfe von Daten alle HR-Maßnahmen eines Unternehmens analysieren: „Das kann die leistungsorientierte Vergütung sein oder der Erfolg von Morgen-Meetings. Sie können alle Stellschrauben, die Sie in der HR-Abteilung zur Verfügung haben, testen.“ Das Problem: Gerade kleinere Unternehmen verfügen oft nicht über die dafür notwendigen Datengrundlagen. „Und sogar wenn die Datengrundlage stimmt, gibt es nur wenige HR-Mitarbeiter mit den entsprechenden Fertigkeiten, Analysen durchzuführen.“

Außerdem, sagt Biemann, könne Big Data auch nicht urplötzlich 100 Prozent aller Leistungsunterschiede innerhalb der Belegschaft erklären. „Das ist utopisch.“ Er plädiert dafür, auch in Zukunft Personalentscheidungen nicht ausschließlich aufgrund von Datensätzen zu treffen: „Gerade beim Thema Personalmanagement gibt es Hunderte von Studien, die ähnliche Fragestellungen untersucht haben. Auf die kann man sich bei Fragestellungen zum Thema Mitarbeiterbindung oder -zufriedenheit beziehen. Niemand muss komplett bei Null anfangen.“
Besinnung auf alte Werte also vor blinder Technikgläubigkeit? Die Manager der New York Yankees würden das bestätigen: Auch ganz ohne mathematischen Recruiting-Algorithmus sind sie das mit Abstand erfolgreichste Team der Geschichte.

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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.