#Work & Life | Doris Hartl

Mehr Empathie, aber wie?

Mitgefühl und Rücksichtnahme als neue Maximen erfolgreicher Unternehmen

Ob im Umgang mit Mitarbeitern, Kunden oder Geschäftspartnern – erfolgreiches Beziehungsmanagement braucht gegenseitiges Verständnis. Nach einer Ära geprägt von Machtdominanz und Egozentrismus kommt nun eine Zeit, in der vernetztes, gemeinschaftliches Arbeiten, Rücksichtnahme und Mitgefühl in den Vordergrund treten. „Begegnung auf Augenhöhe“ – heißt das neue Leitprinzip zwischenmenschlicher Beziehungen. Im beruflichen Kontext ein oftmals unterschätzter Wert. Und dennoch gilt: fühlen sich Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner verstanden und haben das Gefühl wertgeschätzt zu werden, so wirkt sich das positiv auf den Unternehmenserfolg aus.  Auch die Forschung hat gezeigt, dass mehr Mitgefühl die soziale Verbundenheit, Resilienz und Lebenszufriedenheit fördert. Depression sowie das Gefühl der Isolation nehmen ab. Für die Mitarbeiterzufriedenheit sowie das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl in Unternehmen (Stichwort „Loyalität“) eine wertvolle Tatsache.

Die Bedürfnisse des anderen zu erkennen ist ein erster wichtiger Schritt.

Empathie oder Einfühlungsvermögen bedeutet, sich in eine andere Person hineinzuversetzen – in ihre/seine Gefühls- und Gedankenwelt. Wohlgemerkt: es geht nicht darum, andere Sichtweisen zu übernehmen. Es geht um das „sich in andere einfühlen“. Empathische Menschen verfügen über die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören, die Lebenswelt anderer (wertneutral) zu reflektieren oder wahrzunehmen und situativ (bedürfnis-orientiert) zu handeln. So zählt Empathie mittlerweile zu den wichtigsten „soft skills“ in der Personalpolitik und ist Grundlage für emotionale, interund
intrapersonale Intelligenz.

Das Ende traditioneller Organisations- und Führungsformen

Autoritäre Führungsstile, so meinen auch Organisationspsychologen, sollten durch Vertrauen, Empathie und Wertschätzung ersetzt werden. Dabei darf „Empathie“ nicht zu einer leeren Worthülse verkommen, sondern braucht eine klare Verankerung im Unternehmen. Sei es durch gesteuerte Fokusgruppen (als Teil der Produkt- oder Geschäftsentwicklung), gezielte Trainingsprogramme oder Coaching (zur Persönlichkeitsentwicklung) oder interne Rotationssysteme (für einen gesteuerten Wissenstransfer und Perspektivenwechsel) – Empathie sollte nicht nur in der zwischenmenschlichen Begegnung wichtig sein, sondern sich im Selbstverständnis eines Unternehmens widerspiegeln.

In der Praxis sicher keine leichte Aufgabe. Gerade in hektischen Zeiten oder unter Druck werden „alte“ Denk- und Verhaltensmuster aktiviert. Und dennoch gilt (auch in der Persönlichkeitsentwicklung): steter Tropfen höhlt den Stein. Doch lässt sich Empathie überhaupt „erlernen“? Grundsätzlich ist jeder Mensch mit der Fähigkeit zu Empathie ausgestattet, es ist uns quasi in die Wiege gelegt – als biologische Basis für Mitgefühl. Aufgrund besonderer Gehirnzellen im präfrontalen Cortex (Stirnlappen) des Gehirns (sogenannter „Spiegelneuronen“) können wir Emotionen oder Verhalten, das wir beobachten, nachahmen. Spiegelneuronen registrieren eine beobachtete Handlung als solche und machen Aktionen anderer nachvollziehbar. Sie legen in gewisser Weise den Grundstein für ein soziales Miteinander und sind für die Entstehung von Empathie verantwortlich. Wie sich Spiegelneuronen jedoch über Zeit verhalten hängt von den gemachten Erfahrungen ab. So kann auch die Empathie-Fähigkeit einer Person (durch entsprechendeHirnentwicklung und Sozialisation) „verkümmern“.

Dennoch lässt sich, so haben Untersuchungen ergeben, Empathie auch „re-aktivieren“ oder trainieren. Die Wirksamkeit von Empathie-Trainings wurde von 20 empirischen Studien (im Zeitraum 1976 bis 2008) untersucht. Dabei zeigte sich, dass 90 Prozent der Studien eine signifikante Verbesserung und somit eine Steigerung der Empathie-Fähigkeit durch ein entsprechendes Training belegen konnten. Ein wichtiges Erfolgskriterium ist jedoch das Design der Trainings. Es braucht eine Mischung aus Vorträgen, Übungen, Rollenspielen und Videosequenzen. Ein rein kognitiver Prozess  (via Vorträge) führt zu keinem positiven Trainingsergebnis und letztlich zu keiner Verhaltensänderung.

Sich Empathie-Fähigkeit anzueignen erfordert jedoch sehr viel Arbeit – vor allem an sich selbst. Selbstwahrnehmung, aktives Zuhören, Meditation und Achtsamkeit als Schlüssel für mehr Empathie? Die emotionale Selbstwahrnehmung – eigene Gefühle und Empfindungen zu erkennen und zu benennen – ist eine wichtige Grundvoraussetzung. Andere zu verstehen setzt voraus, sich seiner eigenen Gefühlswelt bewusst zu sein. Durch Meditation und Achtsamkeit kann selbstreflexives Wahrnehmen aktiviert und geschult werden. Eine weitere wichtige Methode ist aktives Zuhören (oder „sensibles Zuhören“ oder „tiefes Hören“). Es bedeutet, das zu erkennen und zu verstehen, was eine Person (mit dem Gesagten) tatsächlich meint. Ein „Blick hinter die Fassaden“ (durch Paraphrasieren, Fokus auf Gestik und Mimik, Nachfragen, Äußerung von Gefühlen, etc.) ermöglicht die wirkliche Sinnerfassung und Deutung des Gesagten.

Empathie als klarer Wettbewerbsvorteil

Wir leben in einer Zeit der Transformation. Die zunehmende Vielfalt und Komplexität des Arbeitsalltags – bedingt durch Internationalisierung, Generationenwechsel sowie Migration – verlangen ein hohes Maß an Flexibilität und Einfühlungsvermögen. Unternehmen haben nun die Wahl: alte, traditions-verwurzelte Sichtweisen beizubehalten (unter dem Motto: „So haben wir das schon immer gemacht.“) oder sich durch Offenheit, Perspektivenwechsel und eine regelmäßige Bedürfnis-Analyse neu auszurichten.

Bildnachweis: www.thinkstock.de



Verwandte Artikel






Doris Hartl

Den Menschen in seiner Vielfalt zu betrachten, und das wertfrei. Empathie und ein achtsamer Umgang mit sich und anderen sind wichtige Werte, die es (wieder) zu vermitteln gilt. Auch wenn Organisationsstruktur & -kultur als auch gelebte Kommunikationsprozesse berücksichtigt werden müssen, so geht es letztlich um den Menschen und um ein besseres Miteinander. Mag. (FH) Doris Hartl, MA ist Eigentümerin von Aroha Consulting sowie Dozentin für "Interkulturelles Management" und bietet Trainings & Beratung in den Bereichen: Kulturelle Vielfalt, Empathische Kommunikation und Achtsamkeit. www.aroha-consulting.com






Artikel kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *