Teilzeit arbeiten volle Bezahlung
#Allgemein | Barbara Oberrauter

30 Stunden arbeiten – bei vollem Gehalt?

Niemand ist auf der Welt, nur um zu arbeiten

Eine 30 Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich: Was für manche Arbeitnehmer wie ein Traum klingt, ist in einem oberösterreichischen Marketing-Unternehmen schon bald Realität. Gemeinsam mit dem Team habe man sich auf die radikale Reduktion der Arbeitszeiten geeinigt, erzählt Gschäftsführer Klaus Hochreiter im Interview mit StepStone.at. Warum davon nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Unternehmensspitze und die Kunden profitieren und welche Erkenntnisse es nach dem Probelauf vergangenen Herbst gab, lesen Sie hier.

Herr Hochreiter, Sie planen, in Ihrem Unternehmen am Herbst 2018 die 30 Stunden-Woche einzuführen – und das bei vollem Lohnausgleich. Wie kommt man auf eine solche Idee?

Klaus Hochreiter: Vor zwei Jahren haben wir einen Projektmanager gesucht – und monatelang nur eine einzige Bewerbung erhalten. Und selbst die wurde kurz darauf zurückgezogen (lacht). Wir bezahlen nicht schlecht, aber ich habe probehalber trotzdem nochmal das Gehalt in der Stellenanzeige raufgesetzt. Und wissen Sie, was dann passiert ist?

Nein.

Nichts. Keine einzige Bewerbung mehr.

Was schließen Sie daraus?

Gehalt als Lockmittel hat ausgedient. Wir sind als regionales Unternehmen wie viele andere Betriebe auch mit dem Fachkräftemangel konfrontiert. Die besten Köpfe wandern ab, und qualifizierte Mitarbeiter sind schwer zu bekommen, wenn man nicht direkt im Zentralraum rekrutiert. Dagegen helfen keine politischen Maßnahmen, das müssen wir selbst in die Hand nehmen. Daher haben wir eine 20 Punkte umfassende Employer Branding-Strategie ins Leben gerufen, mit der 30 Stunden-Woche als zentrale Maßnahme.

Wen wollen Sie mit dieser Maßnahme hauptsächlich ansprechen?

Unsere Zielgruppe sind vorwiegend die jüngeren Generationen. Für Millenials steht die Work Life-Balance an erster Stelle ihrer Bedürfnisse und Erwartungen, sie ist wichtiger als hohes Gehalt oder ein dicker Firmenwagen. Zeit ist das neue Statussymbol – und genau da setzen wir mit der 30 Stunden-Woche an.

Work Life-Balance ist mittlerweile ein arg strapazierter Begriff – fast alle Unternehmen schmücken sich damit.

Unser Credo ist: Man muss leben, was man verspricht. Das gilt auch für die Work Life-Balance. Viele  Betriebe versprechen in ihren Stellenanzeigen das Blaue vom Himmel herunter, aber sobald man aber im Unternehmen anfängt, merkt man, dass alles nur leere Versprechungen waren. Das ist auf Dauer schlecht für die Arbeitgebermarke. Mit der 30 Stunden-Woche bleiben wir als Arbeitgeber glaubwürdig ? und schaffen uns auch einen gewissen USP.

Auch andere Betriebe bieten Gleitzeit, Home Office oder Teilzeit an. Was macht ihr Angebot so speziell?

Manche Arbeitgeber bieten zwar reduzierte Arbeitszeiten an, aber nur zu einem entsprechend geringeren Gehalt. Wenn ich aber das Gehaltsniveau nicht halte, können die Leute von ihrer Arbeit nicht mehr leben, suchen sich Zweitjobs und verlieren Pensionsansprüche. Man muss komplett umdenken, um sich in Zukunft einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu sichern. 30 Stunden bei gleichem Gehalt sind für uns daher eine nachhaltige Investition in die Mitarbeiterzufriedenheit.

Was sagen Ihre Kunden zu dem Projekt?

Mit unserem Maßnahmenpaket bieten wir Top-Kräften ein attraktives Umfeld, und davon wiederum profitieren unsere Kunden: Ohne die besten Mitarbeiter könnten wir nämlich die Qualität, die sie bislang von uns gewohnt sind, nicht halten. Insofern ist die 30 Stunden-Woche auch eine Investition ganz im Sinne unserer Kunden, weil wir die Qualität unserer Produkte nachhaltig halten und langfristig garantieren können. Geht es dem Mitarbeiter gut, geht es auch dem Kunden gut, und damit dem gesamten Unternehmen. Sozusagen eine Win-win-win-Situation.

Werden Ihre Produkte dafür teurer?

Ganz klar: Nein. Wir wälzen die Kosten all unserer Employer Branding-Maßnahmen nicht auf unsere Kunden ab – andernfalls wären wir gar nicht konkurrenzfähig.

Woher kommt dann das Geld für die 30 Stunden-Woche?

Man muss bereit sein zu investieren. Um die 30 Stunden-Woche umzusetzen, verzichten wir zum Teil auf Umsatz und Gewinne. Das können wir aber nur machen, weil wir inhabergeführt sind: Von uns fordern keine Aktionäre oder Teilhaber eine konstante Gewinnsteigerung. Trotzdem ist mit dem Schritt ist ein gewisses Maß an Risiko verbunden. Wir als Geschäftsführer sehen ihn aber als langfristige Investition in unsere Mitarbeiter, die Qualität unseres Angebots und die Zufriedenheit unserer Kunden.

Wie sieht das konkret aus, wenn man ein gesamtes Unternehmen auf eine 30 Stunden-Woche umstellt?

Wir haben diese Maßnahmen über zwei Jahre lang gemeinsam mit unseren Mitarbeitern vorbereitet, viele Informationen gesammelt und uns Beispiels aus anderen Ländern angeschaut. Dazu haben wir Studien zum Thema gesichtet und überlegt, was bei uns finanziell und organisatorisch überhaupt möglich wäre. Und dann haben wir auch schon unsere Mitarbeiter miteinbezogen, denn eines ist ganz klar: Für so eine Sache braucht man alle Leute in einem Boot. Wir haben im Herbst vergangenen Jahres daher einen Testlauf gestartet und die Leute wöchentlich zu ihren Erfahrungen befragt.

Was bringt es, die Belegschaft schon so früh mit ins Boot zu holen?

Weil die eigenen Leute selbst am besten wissen, wo man Zeit einsparen kann. In unserer Testphase hat jeder Mitarbeiter bei seiner täglichen Arbeit nach Optimierungspotential für Prozesse gesucht. Nur so konnten wir das Modell dann auch tatsächlich umsetzen, denn Eine 30-Stunden-Woche nur durch Umsatz- bzw. Gewinnverzicht zu finanzieren wäre natürlich nicht möglich.

Sie sprechen damit ein wichtiges Thema an: Die Frage, wie man die Arbeit von 40 Wochenstunden in eine 30 Stunden-Woche bekommt.

Das gelingt zum einen durch optimierte Prozesse. Durch das Ausmisten von verzopften Abläufen und überkommenen Traditionen spart man einiges an Zeit ein. Auch die Digitalisierung nimmt uns in der täglichen Arbeit mit diversen Tools und automatisierte Abläufe viel an Arbeit ab, ohne dass die Qualität darunter leidet. Und schließlich haben wir uns diverse Maßnahmen für das generelle Zeitmanagement überlegt und angeschaut, wie wir Dinge effizienter angehen können.

Gibt es spezielle Zeitfresser im Unternehmen?

Interne Termine sind unheimlich zeitaufwändig. Man braucht nach jedem Meeting wieder gute 15 Minuten, um in die Arbeit zurückzufinden. Unsere Termine werden daher so effizient wie möglich abgehalten: Indem wir eine Sanduhr im Meetingzimmer stehen haben, ist die Zeit begrenzt. Dadurch konzentriert man sich auf das Wesentliche. Zudem haben wir störungsfreie Zeiten geschaffen, in denen man konzentriert arbeiten kann. Und: Das Handy hat bei uns am Schreibtisch nichts verloren. Natürlich sind alle Mitarbeiter in wichtigen Fällen erreichbar, aber insgesamt ist das eine Ablenkung mehr, die einen vom effizienten Arbeiten abhält.

Mussten sich die Mitarbeiter in ihrer Arbeitsweise umorientieren?

Wenn nun ein ganzes Unternehmen auf die 30 Stunden-Woche umsteigt, müssen sowohl die Firma als auch der einzelne Mitarbeiter ogranisiert und strukturiert arbeiten. Wenn man die Arbeitszeit reduziert, fallen auf der einen Seite Leerläufe weg – auf der anderen Seite muss man aber auch einen Puffer für unvorhergesehene Punkte einplanen. Nur so entsteht kein Stress, wenn plötzlich unvorhergesehene Dinge auftauchen.

Stichwort Arbeitszeit: Wie werden die 30 Stunden auf die Woche aufgeteilt?

Wir haben weiterhin eine 5 Tage-Woche, aber es werden insgesamt weniger Stunden pro Tag gearbeitet. Wie genau das aussieht, ist jedem einzelnen Mitarbeiter selbst überlassen. Mit dieser Flexibilität geben wir unserer Belegschaft auch ein Stück Selbstbestimmung ? und mehr Zeit: Mit der 30 Stunden-Woche haben unsere Leute 10 Stunden mehr Freizeit pro Woche. Aufs Jahr gerechnet sind das 25 Tage ? der Urlaub verdoppelt sich also quasi. Und: Wenn ich pro Tag nur sechs Stunden arbeite, erspare ich mir die obligatorische Mittagspause – und habe damit in der Woche nochmal 2,5 Stunden mehr Freizeit.

Wie lassen sich die reduzierten Arbeitszeiten mit Ihren Kunden vereinbaren?

Unsere Kunden erwarten zu Recht eine gewisse Flexibilität von uns und wollen sich mit ihren Terminen nicht einschränken. Weil sich jeder Mitarbeiter seine Zeit selbst einteilen kann, können diese Bedürfnisse auch flexiblel abgefangen werden – wenn ein Kunde einen Termin um 16 Uhr haben möchte, kann er das selbstverständlich. An einem anderen Tag geht unserer Mitarbeiter dafür schon zu Mittag nach Hause.

Nehmen ihre Leute fallweise auch Arbeit mit nach Hause, etwa weil sie in den offziellen Bürozeiten nicht fertig werden?

Ganz klar: Nein. Freizeit ist Freizeit. Wir trennen das ganz strikt – auch ich selbst schalte am Wochenende das Handy aus. Was bringt eine Stundenreduktion, wenn ich nach Feierabend erst wieder weiterarbeite? Uns ist wichtig, dass unsere Leute nach Arbeitsende wirklich entspannen und sich ausrasten können. Nur so sind sie fit, ausgeglichen und ausgeruht – und können am nächsten Tag wieder mit voller Kraft weitermachen.

Sie haben im Herbst einen Testlauf durchgeführt. Was haben Sie daraus mitgenommen?

Eine wichtige Erkenntnis war die oben schon angesprochen Arbeitszeit-Flexibilität: Wir hatten erst eine Fünf Tage-Woche mit sechs Stunden Arbeit täglich. Das hat aber überhaupt nicht geklappt, weil unsere Leute Gleitzeit und Flexibilität gewohnt waren – und unsere Kunden auch. Wir sind daher ganz schnell wieder davon abgekommen.

Welches Feedback kam von Seiten Ihrer Mitarbeiter in der Probephase?

Es war unheimlich spannend zu sehen, was sich plötzlich verändert, wenn die Leute mehr Zeit zum Leben haben. Unser Test fand im Spätherbst statt, wenn es schon früh dunkel wird. Unsere Mitarbeiter konnten mit der 30 Stunden-Woche zum Teil schon um 14 Uhr heimgehen – und sind zum ersten Mal bei Tageslicht aus dem Büro gekommen. Dafür hatten wir sensationelle Rückmeldungen. Andere haben sich durch die viele Freizeit neue Hobbies gesucht, mehr Sport gemacht oder sich gesünder ernährt. Während sie sonst immer erst spätabends aus der Arbeit kamen und maximal Zeit für ein Fertiggericht hatten, war jetzt plötzlich Zeit zum Einkaufen und Kochen. Und auch die Hausarbeit wurde bei einigen wieder gerechter aufgeteilt – weil der berufstätige Partner auf einmal früher zu Hause war und mehr Zeit hatte mitzuhelfen (lacht).

Haben Sie selbst auch die 30 Stunden-Woche mitgemacht?

Natürlich. Das Modell muss unserer Ansicht nach von oben vorgelebt werden, sonst ist es wieder nur eine hohle Phrase. Das betrifft im Übrigen all unsere Employer Branding-Maßnahmen: Wenn ich etwas vom Mitarbeiter verlange, muss ich auch selbst bereit sein, diesen Schritt zu machen. Wir als Geschäftsführer müssen als Vorbild vorangehen und unsere Mitarbeiter von unserer Vision überzeugen. Nur so holt man alle ins Boot – und hat langfristig eine motivierte und leistungsfähige Truppe an seiner Seite.

Ihr Fazit: Was kann die 30 Stunden-Woche, was die klassischen 40 Stunden nicht können?

Unterm Strich hat ein mehr an Freizeit positive Auswirkungen auf alle Seiten, das belegen auch Studien: Arbeitszeitverkürzungen erhöhen die Produktivität, die Leute sind entspannter, erholter und dadurch auch leistungsfähiger in der Arbeit. Auch wenn die 40 Stunden-Woche zum Teil noch immer fest in den Köpfen der Leute verankert ist, wollen wir eine Abkehr von diesem Präsentismus. Denn: Wer nicht seine 40 Stunden im Büro absitzt, ist nicht automatisch eine schlechtere Arbeitskraft – sondern vielleicht einfach nur besser organisiert. Die 30 Stunden-Woche schafft Gleichberechtigung zwischen allen Arbeitnehmern, weil alle die selbe reduzierte Stundenanzahl arbeiten und damit keinen Vorsprung mehr vor Kollegen haben, die aus welchen Gründen auch immer früher gehen wollen. Es geht um die Qualität der Arbeit – und nicht darum, wie lange ich im Büro sitze. Niemand ist auf der Welt, nur um zu arbeiten.

Bildnachweis: Rawpixel/Quelle: www.istockphoto.com



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.