im interkulturellen fettnäpfchen
#Internationales Recruiting | Barbara Oberrauter

Im interkulturellen Fettnäpfchen

So bereiten Sie Mitarbeiter auf internationale Einsätze vor

Die Welt wächst zusammen: In Österreich sind rund zwei Drittel aller befragten Großunternehmen international tätig. Damit stehen auch Personalabteilungen unter Druck, ihre Human-Resources-Politik stärker an den Erfordernissen einer globalen Wirtschaft auszurichten. Trotzdem gibt es nur in knapp einem Viertel aller österreichischen Unternehmen, die im Ausland tätig sind, einen Austausch zwischen den Personalern dieser Länder.

Das führt immer wieder zu Missverständnissen und kann teuer werden, warnen Experten – etwa wenn internationale Geschäftsbeziehungen vorzeitig abgebrochen werden. Erhebungen des deutschen Instituts für interkulturelles Management zeigen, dass etwa der Boykott durch einheimische Mitarbeiter der zweithäufigste Grund für das Scheitern internationaler Geschäfte ist. Ursachen für diese Misserfolge sind nicht zuletzt mangelnde Anpassung an die neue Umwelt, unrealistische Erwartungshaltungen oder eine Führungsschwäche, schreibt Jürgen Bolten von der Universität Jena.

Gesucht: Frustrationstoleranz und Vorurteilsfreiheit

Er stellt fest: „Erwartungen an das Verhalten des fremdkulturellen Partners, Vorurteile, Selbst-, Fremd und Metabilddynamiken lassen den interkulturellen Prozess nur sehr schwer kalkulieren.“ Um im interkulturellen Geschäftsleben bestehen zu können, ist umfassende soziale und emotionale Kompetenz gefragt: So gehören etwa Frustrationstoleranz und Vorurteilsfreiheit ebenso zu den Bestandteilen interkultureller Kompetenz wie das Verständnis von kulturell unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Handlungsweisen.

Entsprechend dieser Liste an Eigenschaften tun sich Trainingsanbieter oft schwer, diesbezügliche Inhalte in Ein- oder Zwei-Tages-Seminaren zu vermitteln. Dazu kommt, dass bestimmte Trainingsformen eher dazu geeignet seien, Vorurteile und Stereotypen auf- statt abzubauen. „Für ein Verständnis komplexer kultureller Systemzusammenhänge und -entwicklungen besser geeignet sind Ansätze, die Kultur als Kommunikationsprodukt verstehen“, schreibt Bolten.

Interkulturelles training „on the job“ und im Netz

Eine Möglichkeit bieten webgestützte Trainingsmodule, so der Experte: „Ihr Vorteil besteht nicht nur in der raum- und zeitunabhängigen Nutzungsmöglichkeit, sondern vor allem in der potentiellen Interkulturalität ihres Mediums: Es dient nicht nur der Übertragung interkulturell relevanter Lerninhalte, sondern trägt unter Einbeziehung der Kommunikationsmöglichkeiten von Lernplattformen zudem auch zur Generierung von Interkulturalität bei.“

Auch Coaching kann helfen, unterschiedliche Werthaltungen, Wissensvorräte und Denkhaltungen zu analysieren und ein effizienteres Verhalten demgegenüber zu entwickeln. Das findet meist durch externe Berater und als „training on the job“ statt – im Gegenteil zu den starren Trainings, deren Inhalte schon im Vorhinein feststehen. Die Aufgabe des Coach besteht darin, „Handlungen eines internationalen Teams in ihrer spontanen und realen Dynamik zu beobachten und zu analysieren, um auf dieser Grundlage mit den Teammitgliedern Zielvereinbarungen für ein effizienteres Verhalten zu entwickeln“, so Bolten.

Läuft trotz aller Vorbereitung nicht alles reibungsfrei ab, kann die interkulturelle Mediation eine Lösung sein. Sie nimmt eine Mittlertätigkeit bei offenen und verdeckten Konflikten in multikulturellen Teams ein. „Es geht darum, Konflikte in ihren kulturbedingten Ursachen zu erkennen und zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln“, erläutert Bolten. Dabei ist Konsens um jeden Preis gerade nicht das Ziel: Als Lösung kann auch eine Anerkennung der Differenzen verhandelt werden, bei der die spezifischen Eigenarten den jeweils anderen akzeptiert werden. Denn genau darum geht es im Bereich der Interkulturalität eben auch: Leben. Und leben lassen.

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.