#Trends im Recruiting | Barbara Oberrauter

Jeder einzelne Mitarbeiter zählt

Die wichtigsten Trends im Recruiting 2018

Fachkräftemangel, Generationenwechsel und digitaler Wandel stellen immer mehr Unternehmen vor die Herausforderung, qualifiziertes Personal zu finden. Um die eigene Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern, reichen hohe Gehälter und Benefits inzwischen längst nicht mehr aus: Neben individuellen Angeboten und speziellen Führungsthemen ist auch die Integration älterer Mitarbeiter und der gekonnte Umgang mit neuen Technologien ausschlaggebend für den wirtschaftlichen Erfolg ganzer Unternehmenszweige, zeigt die Human Capital Trends-Studie von Deloitte.

 

Flexible Arbeitszeiten und individuelle Gesamtpakete

Neben individueller Mitarbeiteransprache und der Nutzung neuer Technologien geht es dabei vor allem um die Potentiale des demografischen Wandels und die soziale Verantwortung von Führungskräften, geben sich mehr als 11.000 Personalverantwortliche aus der ganzen Welt überzeugt. Sie raten Arbeitgebern dazu, den Fokus verstärkt auf individuelle Mitarbeiterangebote zu setzen. Das steigere nicht nur das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern habe handfeste wirtschaftliche Vorteile: 61% berichten von gesteigerter Produktivität und besseren Ergebnissen.

Bisher bestanden Benefits meist aus den immer gleichen Standardangeboten. Das muss sich ändern, zeigt die Studie: Angetrieben von den Millenials fordern Arbeitnehmer immer stärker die individuelle Auseinandersetzung mit ihren ganz persönlichen Bedürfnissen ein. Statt dem „one size fits all“-Ansatz müssen Benefits heute das Arbeits- und Privatleben von Mitarbeitern und Kandidaten repräsentieren. Während der eine mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung braucht, wünscht sich der andere vielleicht ein paar Urlaubstage auf Kosten der Firma – und der Dritte will einfach nur eine Jahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel.

In der Realität werden individuelle Benefits jedoch noch zu wenig umgesetzt, zeigt die Studie: Nur drei Prozent aller Unternehmen sind der Meinung, dass ihre aktuellen Prämienangebote zur Motivation der Mitarbeiter beitragen. Immerhin: Fast alle österreichischen Unternehmen (87%) bieten ihren Mitarbeitern flexible Arbeitszeitmodelle an. „Um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, müssen individuelle Gesamtpakete geschnürt werden“, sagt Christian Havranek von Deloitte Österreich. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen könnten hier noch einiges aufholen, ist er überzeugt.

 

Digitaler Wandel wirkt sich maßgeblich aus

Auch Technologien wirken sich maßgeblich auf den Erfolg von Arbeitgebern aus, zeigt die Studie: Entwicklungen in den Bereichen künstliche Intelligenz und moderne Kommunikationsmethoden schreiten immer schneller fort – und verändern damit fundamental die Art und Weise, wie Zusammenarbeit funktioniert. Für 72% aller befragten Führungskräfte spielen Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle.

Das eröffnet Unternehmen nicht nur neue Geschäftsfelder: Klug eingesetzt, führen die neuen Technologien auch zu einer intensiveren Zusammenarbeit mit Mitarbeitern und Stakeholdern. Das Problem: Nur ein Drittel kann auch mit den damit einhergehenden Veränderungen umgehen. Die Nachfrage nach Mitarbeitern, die den technologischen Wandel begleiten können, steigt daher markant an: Fähigkeiten wie das Lösen komplexer Probleme oder kognitive und soziale Skills werden beim Recruiting von Kandidaten immer wichtiger.

„Im Idealfall ergänzen einander individuelle Fähigkeiten und neue Technologien“, sagt Christan Havranek. „Gerade die Entwicklungen im Kommunikationsbereich eröffnen neue Möglichkeiten der flexiblen Zusammenarbeit.“ Allein, heimische Arbeitgeber stehen diesen noch skeptisch gegenüber: 55% sehen die neuen Kommunikationsmethoden neutral bis negativ. „Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden“, fordert Havranek.

 

Neue Karrieremodelle für ältere Mitarbeiter

Vor diesem Hintergrund stellt auch der Generationenwandel und die steigende Lebenserwartung Arbeitgeber vor neue Herausforderungen: Ältere Arbeitgeber müssen integriert, bisherige Karriereverläufe angepasst werden.

Die Karriere des 21. Jahrhunderts beruht nicht mehr auf einem geradlinigen Verlauf durch die klassischen Stationen. Vielmehr setzt man heute auf ein Modell, das jedem Mitarbeiter individuelle Erfahrungen in verschiedenen Rollen ermöglicht und damit eine kontinuierliche Weiterentwicklung des beruflichen und persönlichen Selbst ermöglicht – vor allem vor dem Hintergrund, dass heutige Arbeitnehmer so alt werden wie noch nie: Medizinischer und technischer Fortschritt erhalten die Produktivität bis ins hohe Alter.

Dennoch ist in vielen Unternehmen der entspannte Umgang mit älteren Mitarbeitern keine Selbstverständlichkeit, zeigt die Studie: „Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass ihr Unternehmen Mitarbeiter im Alter nicht bei neuen Karrierewegen unterstützt“, so Havranek. Immerhin 15% sehen ältere Mitarbeiter sogar als Bremse für aufsteigende Talente, sagt Gundi Wentner von Deloitte. „Die meisten Unternehmen haben den Mehrwert langjähriger Berufserfahrung und generationenübergreifender Teams noch nicht erkannt. Damit aber verlieren sie viele qualifizierte Mitarbeiter.“

 

Unternehmen müssen soziale Verantwortung übernehmen

Schließlich wächst das gesellschaftliche Bewusstsein für soziale Verantwortung, Nachhaltigkeit und Fairness – ein Trend, den auch Arbeitgeber zu spüren bekommen. Immer weniger Menschen trauen traditionellen Institutionen zu, passende Konzepte für den digitalen Wandel und gesellschaftliche Herausforderungen zu finden. Eine Lücke, die Arbeitgeber und Unternehmen füllen sollen: 77% aller befragten Führungskräfte halten soziale Verantwortung für einen wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur.

Der Haken: Nur 18% aller Unternehmen räumen dem Thema auch strategische Priorität ein. Dabei bietet verstärktes gesellschaftliches Engagement durchaus Chancen für Arbeitgeber, zeigt die Studie: Im verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Herausforderungen gewinnen Unternehmen nicht nur das Vertrauen von Mitarbeitern und Kandidaten, sondern polieren auch den Ruf ihrer Arbeitgebermarke nachhaltig auf. Zudem schafft das soziale Engagement Allianzen und Vertrauen – und öffnet damit den Weg zu neuen Märkten und Zielgruppen.

 

Neue Führungsmodelle für aktuelle Herausforderungen

Um mit aktuellen Herausforderungen am Arbeits- und Kandidatenmarkt Schritt zu halten, sind neue Kooperations- und Führungsmodelle gefragt. In einer Businesswelt, die von Konkurrenz und digitalem Wandel gekennzeichnet ist, müssen Unternehmen verstärkt auf Teamarbeit und Netzwerke setzen. Starre Hierarchien haben ausgedient – um dem rasanten Wandel am Arbeitsmarkt zu begegnen,  braucht es agile Methoden, die im Team umgesetzt und flexibel angewandt werden können.

Der alte, autoritäre Stil hat ausgedient – 85% halten einen teambasierten Führungsansatz für wichtig. Das stärkt auch den Unternehmenserfolg, zeigt die Studie: „Unternehmen mit einer kooperativen Geschäftsführung sind in puncto Wachstum klar im Vorteil“, so Wentner. Trotzdem arbeiten weltweit in drei Vierteln aller Unternehmen die Führungskräfte nicht regelmäßig zusammen: Heimische Führungskräfte tauschen sich im Schnitt sogar nur einmal pro Woche aus, zeigt die Deloitte-Studie. Für die komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts reicht das aber nicht aus: Um rasch, effizient und flexibel auf Probleme und Aufgabenstellungen reagieren zu können, müssen sowohl Teams als auch Führungskräfte eng zusammenarbeiten – und das eigene Ego auch mal zurückstellen. Nur so sind Unternehmen gerüstet für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – und holen auch Talente an Bord, die den Unternehmenserfolg entscheidend mitprägen können.

Bildnachweis: portishead1/Quelle: www.istockphoto.com



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.