Homosexuelle Führungskräfte
#Leadership | Barbara Oberrauter

Homosexuelle Führungskräfte

Wenn der Chef sich outet

Apple-Chef Tim Cook hat es getan, Profifußballer Thomas Hitzelsperger auch, und jetzt auch der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger: Drei Männer, die im grellen Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, haben sich als homosexuell geoutet. Das ist allerdings auch in Zeiten von Klaus Wowereit und offen gelebter Homosexualität in vielen Büros noch längst nicht die Regel: Wer sich als Spitzenmanager zu seiner Homosexualität bekenne, müsse „immer damit rechnen, dass diese Information irgendwann gegen Sie verwendet wird“, sagt Sattelberger in einem Interview mit dem deutschen Spiegel.

Ehefrau als Indiz für „solides Leben“

Das bestätigt auch der Völkinger Kreis, ein Zusammenschluss von Managern, die teilweise erleben mussten, dass ihre Karriere ins Stocken geriet. Gerade wenn es um die Beförderung in eine Spitzenposition geht, werde bei Führungskräften das Privatleben gründlich unter die Lupe genommen. Ehefrau und Kind gelten auch heute noch als Indiz für ein „solides Leben“, sagen Vertreter der Gruppe.

Gerade Führungskräfte stünden auch immer unter dem Druck, besonders maskulin zu wirken, sagt Sattelberger. Unternehmen, die sich homosexuellen Lebensrealitäten verschließen, schaden damit aber nicht nur sich selbst: Gleichgeschlechtlich orientierte Mitarbeiter, die nicht offen leben können, wenden rund fünf bis zehn Prozent ihrer Arbeitsleistung für ihre Tarnung auf, warnt der Vorsitzende des Völklinger Kreises, Rene Behr.

Vor allem in traditionelleren Branchen fällt es den Mitarbeitern schwer, offen mit ihrer sexuellen Identität umzugehen. Das zeigt eine Studie aus dem Jahr 2007, die den Berufsalltag homosexueller Angestellter untersucht. „Der Arbeitsplatz ist nicht asexuell“, heißt es in der Studie. „Es gibt wesentlich mehr Schwule und Lesben, als heterosexuelle Kollegen annehmen.“ Für seine Untersuchung geht Studienautor Dominic Frohn von einem homosexuellen Bevölkerungsanteil von 6,75 Prozent aus.

Auch in Österreich wird noch oft geschwiegen

Für Österreich würde das rund 245.000 gleichgeschlechtlich orientierte Arbeitnehmer bedeuten – einige davon auch in Führungspositionen. Auch wenn in Österreich prinzipiell relativ offen mit dem Thema umgegangen wird, ist die Homosexualität am Arbeitsplatz auch und gerade im Top-Management ein Tabu-Thema. So geben fast 60 Prozent der Befragungsteilnehmer an, dass sie es schon einmal als notwendig empfunden hätten, am Arbeitsplatz ihre Homosexualität zu verschweigen. Jeder Zehnte bringt schon mal eine Frau oder einen Mann als heterosexuellen Partner auf Betriebsfeierlichkeiten mit, und 15 Prozent der Befragten erzählen zuweilen von einem fiktiven heterosexuellen Partner.

Dazu kommt die Angst vor Sanktionen nach dem Outing: Viele der Befragten haben Tuscheln, Gerüchte oder Lügen erlebt. Weitere Diskriminierungserfahrungen betreffen das Imitieren oder Lächerlichmachen der eigenen Person sowie ein unangenehmes Interesse am Privatleben und unangenehme sexuelle Anspielungen. All das führt zu einem Versteckspiel, unter dem nicht nur die Seele leidet, sondern auch die Arbeitskraft.

Coming-Out oft mit überraschendem Erfolg

Einige Unternehmen haben dagegen bereits Maßnahmen ergriffen: So bietet die deutsche Commerzbank beispielsweise interne Coming-Out-Kurse an, um ihren Mitarbeitern die Angst vor dem Coming-out vor Kollegen zu nehmen. Das lohnt sich, zeigt auch Frohns Studie: Fast 92 Prozent der Befragten sprachen davon, dass ihre Kollegen und Kolleginnen überwiegend positiv reagierten. Rund 86 Prozent berichteten über eine überwiegend positive Reaktion ihrer Führungskräfte.

„Vor dem Coming-out haben Manager zumeist wenig Hoffnung auf Akzeptanz und Unterstützung“, sagt Frohn im Interview mit dem Portal jobware.de. Grundsätzlich, sagt Thomas Sattelberger, gehe es nicht darum, ob Frauen, Homosexuelle oder Menschen mit anderen ethnischen Hintergründen anders führen, sondern vielmehr darum, ob man denen, die vermeintlich nicht dem Prototyp entsprechen, genügend Raum und Zeit gebe, auf eine andere Art zu führen. „Wenn sich Unternehmen autistisch verschließen und die veränderten Wertvorstellungen in der Gesellschaft nicht wahrnehmen, werden sie keine gute Zukunft haben.“

Bildnachweis: thinkstock.de



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.