Flexible Arbeitszeiten - Lebensqualität oder Ausbeutung?
#HR & Recht | Andrea Heider

Flexible Arbeitszeiten

HR Inside Summit 2015

Flexible Arbeitszeiten: Arbeitnehmer verstehen darunter freie Zeiteinteilung entsprechend der individuellen Bedürfnisse und somit die Möglichkeit einer gesünderen Work-Life-Balance. Auf betrieblicher Seite bedeutet diese Flexibilität jedoch auch ständige Verfügbarkeit, immer durchlässiger werdende Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben und schlimmsten Falles sogar grenzenlose Ausbeutung. Ist es möglich diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen zusammenzuführen? Diese Frage stellte sich eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussionsrunde beim HR Inside Summit in der Wiener Hofburg.

Geschichte der Arbeitszeit

Die Geschichte der Arbeitszeit ist eine Geschichte der Reduzierung. Im 19. Jahrhundert mussten Arbeiter im Schnitt 14-16 Stunden pro Tag, als 80-85 Stunden in der Woche arbeiten. Ende der 1950er lag die Arbeitszeit bei durchschnittlich 45 Wochenstunden. Ende der 1970er waren es ungefähr 40 Wochenstunden. Derzeit liegt die Arbeitszeit der Österreicher bei etwa 41 Stunden pro Woche, das ist mehr als im EU-Schnitt. Die Österreicher arbeiten 36,3 Jahre im Leben – ohne Pausen. Die Art und Weise wie gearbeitet wird ändert sich auch von Generation zu Generation. Obwohl früher mehr Stunden gearbeitet wurden, so sind die Anforderungen an den Arbeitnehmer heute andere als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Arbeitswelt unterliegt also einem stetigen Wandel.

Flexible Zeiteinteilung und Home Office

Die Bedürfnisse der neuen Arbeitnehmer sind anders als jene der letzten Generation. Sie arbeiten gerne flexibel, schätzen Home-Office und legen Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance. Auch Sarah Müller, Head of Marketing & Content von kununu GmbH bestätigt: „Unser Top 1 Suchbegriff sind flexible Arbeitszeiten, gefolgt von Home Office“. Arbeitnehmer sind also auf der Suche nach Unternehmen, die ihnen diese Benefits bieten können. Doch können Betriebe von heute flexible Arbeitszeiten bieten?

Gesetz nicht mehr zeitgemäß

Aus betrieblicher Sicht fehlt die gesetzliche Möglichkeit für flexible Arbeitszeiten. Denn in Österreich dürfen kollektivverträgliche Regelungen nicht gebrochen werden. Außerdem, stünden Betriebe im Wettbewerb, so Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit, Wirtschaftskammer Österreich:“Es muss dann gearbeitet werden, wenn Aufträge da sind“. Aber, das Gesetzt sei nicht mehr zeitgemäß, meint Johannes Kopf, Vorstand Arbeitsmarktservice. Dennoch: „Es bietet einen notwenigen Schutz vor Missbrauch“. Kollektivverträge sind schließlich auch da, um den Arbeitnehmer vor betrieblicher Ausbeute zu schützen.

Betriebliche Selbstbestimmung ausbauen

Acht Stunden arbeiten, das ist ein Drittel des Tages – Helwig Aubauer, Leiter des Bereiches Arbeit und Soziales Industriellenvereinigung ist jedoch überzeugt, dass Betriebe damit bereits an ihre Grenzen kommen: „Nach EU-Arbeitszeitrichtlinien gibt es keine tägliche Höchstgrenze an Arbeitszeit. Es gibt lediglich vorgeschriebene Ruhepausen“. Das würde mehr Spielraum auf betrieblicher Seite bedeuten. Auch Stefan Kühteubl Partner von schönherr rechtsanwälte gmbh ist der Meinung, dass die betriebliche Selbstbestimmung ausgebaut werden sollte.

Wieviel Arbeit ist gesund?

Ohne gewerkschaftliche bzw. kollektivverträgliche Regelungen wären Arbeitnehmer voll und ganz den betrieblichen Bedingungen ausgeliefert. Da stellt sich natürlich die Frage: wieviel Arbeit tut gut? Wie lange sind wir überhaupt leistungsfähig? „Es ist wichtig den Gesundheitsschutz zu beachten. Denn ich will keine kranken Mitarbeiter“, so Kopf. Er rät zu mehr Selbstsorge, auch hinsichtlich flexibler Arbeitszeiten: „Es gibt Arbeitgeber, die es zu wild treiben und Arbeitnehmer, die nicht auf sich schauen“. Einerseits sei Schutz daher wichtig. Andererseits aber auch das Vertrauen darauf, dass Mitarbeiter selbst wissen, was sie brauchen. Protektorat sei nicht mehr zeitgemäß, so der Vorstand des AMS.

Vertrauen in Mitarbeiter stärken

Martina Ernst, Head of Human Resources, Erste Bank bestätigt ihre guten Erfahrungen mit Vertrauensarbeit. Sie ist aber auch überzeugt: „One size fits all, gibt es nicht mehr“. Unterschiedliche Mitarbeiter haben unterschiedliche Bedürfnisse. Auf betrieblicher Seite müsse es zu einem Umdenken kommen, man müsse mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen können, da sich dies auch positiv auf Leistung und Motivation auswirke. Auch Gleitsmann setzt auf Vertrauensarbeit: „Die Vertrauensarbeitszeit sollte ausgebaut werden. Nicht die Minuten, die man am Schreibtisch sitzt sind wichtig, sondern das Ergebnis“.

Weniger Vollzeitarbeit – mehr Urlaub

Die 35 Stundenwoche oder die Verlängerung des Urlaubanspruches sehen die Sprecher am Podium derzeit eher kritisch. Es sei zwar ein ausgewogenes Urlaubspaket auch von politischer Seite angedacht. Aber: „Die Wirtschaft ist derzeit nicht belastbar“ so Gleitsmann „den Schritt zu mehr Flexibilität müssen wir uns teuer erkaufen“. Auch die Industriellenvereinigung sieht die sechste Urlaubswoche kritisch: „das ist ein Schritt Richtung Verteuerung“. Sabbaticals oder auch Flexidays, die man sich selbst mit Hilfe eines Zeitkontos erarbeiten kann, seien laut Ernst eine Lösung, um mehr Lebensqualität zu erlangen.

Soziale Ansätze fehlen

Fazit: unterschiedliche Berufsgruppen haben unterschiedliche Anforderungen an die Arbeitswelt und bräuchten daher unterschiedliche Regeln. Arbeitnehmer sollten ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden. Flexible Arbeitszeiten sind vor allem von höherqualifizierten Arbeitnehmern gewünscht, aber können von betrieblicher Seite teils nur schwer umgesetzt bzw. eingehalten werden, da die Gesetze es nicht erlauben. Kollektivverträge bieten jedoch auch einen Schutz vor betrieblicher Ausbeutung. Das Thema „flexible Arbeitszeiten“ wurde von betrieblicher Seite recht ausführlich beleuchtet. Gefehlt hat bei der Diskussion jedoch die Vertretung der Arbeitnehmer.

Quelle: Podiumsdiskussion in der Wiener Hofburg im Rahmen des HR Inside Summit am 23.09.2015
Moderation: Susanne Baierl vom Kurier



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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.