#Work & Life | Sandra Pillwatsch

Flexibilisierung der Arbeitszeit?

Darum sind 40h nicht mehr zeitgemäß

Ursula Maier-Rabler spricht sich für ein Ende der Vollzeit-Erwerbstätigkeit und eine gerechte Verteilung von Arbeit aus. Im Interview erklärt sie, wie eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich funktionieren kann und warum wir freuen sollten, wenn Roboter unsere Arbeit übernehmen.

Frau Maier-Rabler, welche Vision haben Sie für die Zukunft der Arbeit in Österreich?

Flexibilisierung der Arbeitszeit

Arbeitszeit: Hat die 40h Woche ausgedient?

Zunächst müssen wir lernen zu differenzieren und nicht alles über einen Kamm scheren. „Die Arbeit“ gibt es so nicht mehr. Sowohl hinsichtlich unterschiedlicher Branchen und Tätigkeiten, als auch hinsichtlich unterschiedlicher Menschen mit verschiedenen Kompetenzen und Neigungen wird es andere Formen von Arbeit geben.

Und das ist schon eine Vision in Richtung Zukunft der Arbeit: es wird unterschiedliche Zukünfte geben, Arbeit wird nicht nur flexibel, sondern auch individuell. Und damit sind auch große Gefahren verbunden. Zum Beispiel der Zerfall von bislang stabilisierenden und identitätsstiftenden Institutionen der Sozialpartnerschaft – wenn sich diese nicht schnell an diese Veränderungen anpassen.

Sie sprechen sich für eine Umverteilung von Arbeit aus. ArbeitnehmerInnen arbeiten 25 bis 30 Stunden pro Woche, werden jedoch trotzdem mit einem Vollzeit-Einkommen entlohnt. Wie kann der Staat sich das leisten? Wie könnte eine praktische Umsetzung aussehen?

Ja, ich bin von der Notwendigkeit von Umverteilung von Arbeit und Arbeitszeitverkürzung überzeugt. Aber auch hier wird das nicht in allen Branchen und für alle arbeitenden Menschen gleich aussehen. Dennoch: der derzeitige Diskurs zum Thema Zukunft der Arbeit ist vom Schlagwort der Digitalisierung, der Automatisierung bzw. dem Einsatz von künstlicher Intelligenz und von Robotern geprägt in dem Sinne, dass uns diese Technologien Arbeit wegnehmen. Anstelle, dass wir uns freuen, dass die Arbeit weniger wird, haben wir Angst davor.

Arbeit ist immer noch das wichtigste Identifikationsmerkmal in unserer Gesellschaft, insbesondere für Männer. Viel zu arbeiten gilt als gut. Zeit zu haben ist schon ein erstes Signal in Richtung Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft.

Noch! Es gibt Anzeichen bei den jüngeren Generationen, dass die Merkmale der Leistungsgesellschaft an Bedeutung verlieren und dass jene zunehmend an sozialem Prestige gewinnen, die auch andere Interessen verfolgen bzw. eine Balance zwischen Arbeit, Familie, Freizeit, sozialem oder zivilgesellschaftlichem Engagement herzustellen in der Lage sind. Ich vermeide hier den Begriff der Work-Life-Balance, da ich Arbeit nicht dem Leben gegenüberstellen möchte, sondern, im Gegenteil, Arbeit als wichtigen und inspirierenden Teil des Lebens begreife.

Wenn wir in Zukunft nur mehr 25 Stunden arbeiten, müssen wir dafür so bezahlt werden, wie das heute eine volle 40-Stunden Erwerbstätigkeit mit sich bringen würde. Und die Finanzierung müsste durch eine wie auch immer genannte Automatisierungs- oder Robotersteuer bzw. eine Wertschöpfungsabgabe gewährleistet werden. Und da geht es jetzt nicht darum, den Unternehmen den Spaß an der Freude zu verderben, sondern ganz im Sinne einer gerechten Gesellschaft die Zugewinne zu teilen.

Vielen ArbeitnehmerInnen würde die Idee eines Sechs-Stundenarbeitstages bestimmt gefallen. Was kann der oder die Einzelne Ihrer Meinung nach tun, um die Diskussion in diese Richtung voranzutreiben?

Zunächst einmal keine Angst vor weniger Arbeit zu haben und sich auch das Modell einer Drittelung zwischen Arbeit, Famlien“arbeit“ und sozialem/zivilgesellschaftlichem Engagement vorstellen zu können. Weniger zu arbeiten muss nicht unbedingt in mehr „nicht arbeiten“ sprich ausschließlich in mehr Freizeit münden.

Aber hier muss noch ein großes Umdenken, auch in der Politik, stattfinden und es müssen bessere und vielfältigere Modelle von sinnstiftenden Sozial- und Bürgerprojekten entwickelt werden, z.B. von Nachbarschaftshilfe bis urban gardening, von digitalen maker communtities bis hin zu Pensionisten-Co-Working-Spaces.

Nicht alle profitieren von der Digitalisierung bzw. kommen mit dem beschleunigten Tempo zurecht. Aufgrund der Technologisierung wird es zukünftig vermutlich vor allem für weniger Qualifizierte zunehmend schwieriger, im Arbeitsprozess zu bleiben. Die Jobs für qualifizierte WissensarbeiterInnen spitzen sich zu. Ein Teufelskreis?

Ja, kurz- und vielleicht auch mittelfristig sehe ich die geschilderten Entwicklungen ebenso. Hier muss sicher politisch gegengesteuert werden und Angebote für Digitalisierungsverlierer/innen geschaffen werden. Aber das ist kurzfristig.

Längerfristig sehe ich nicht, dass die fortschreitende Digitalisierung ausschließlich technologieaffine und techno-kompetente Menschen braucht. Im Gegenteil. So wie sich die „slow food“ Bewegung als Antwort auf den industrialisierten Massenkonsum entwickelt, sehe ich auch so etwas wie ein „slow“-Movement als Gegentrend zur fortschreitenden Digitalisierung des Lebens.

Angebote, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, die Entschleunigung, Körpererfahrung, Gesundheit, Gemeinschaft etc. vermitteln, gewinnen an Bedeutung. Ob es sich um den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit oder den Bereich der Senioren/innen handelt, hier werden wir viele „analoge“ Tätigkeiten dazu bekommen. Aber auch Handwerk, kreative Tätigkeiten oder die junge „Maker“-Entwicklung wird für einen Ausgleich sorgen.

Werden sich die Auswirkungen einer Umverteilung von Arbeit bei Frauen und Männern unterschiedlich auswirken? Wenn ja, wie?

Durch die Umverteilung von Arbeit sehe ich ein enormes Potential für eine bessere, ausgewogenere Gesellschaft. Die heutigen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen beruhen sehr stark auf ihrem unterschiedlichen Anteil an bezahlter Erwerbsarbeit in Kombination mit unzureichenden Kinderbetreuungseinrichtungen. Wenn Männer und Frauen in Zukunft gleich viel bzw. gleich wenig arbeiten (z.B. 25 Stunden), dann haben Männer und Frauen auch gleich viel Zeit für Familienarbeit und für gesellschaftliches Engagement bzw. für ihre individuellen Neigungen.

Das bedeutet jedoch, dass Männer sich darauf einlassen müssen und aber auch, dass Frauen loslassen und ihren Männern auch Aufgaben im häuslich-familiären Bereich übertragen. Auch hier sehe ich die Chance in einer Neuorientierung der jungen Generation. Ich gehe also nicht davon aus, dass jetzt über 40-jährige ihre Lebensstrukturierung radikal verändern werden. Aber in zehn bis zwanzig Jahren wird sich hier Umfassendes verändern.

Wenn sich ein Unternehmen mit wenigen Robotern, die Tag und Nacht arbeiten, hunderte ArbeiterInnen erspart, dann ist es nur recht und billig, wenn die Zugewinne mit dem Staat geteilt werden. Schließlich sind die Unternehmen ja auch daran interessiert, dass es weiterhin KonsumentInnen gibt, die die produzierten Produkte dann auch kaufen können. Ich denke, dass das durchaus eine Win-Win-Situation wäre, ich sehe allerdings derzeit noch keinen ernstzunehmenden politischen Plan in diese Richtung.

Zum Schluss gefragt: Was würden eine Frau Maier-Rabler machen, wenn Sie finanziell ausgesorgt und keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen müsste?

Gute Frage. Na ja, gar keine Erwerbsarbeit soll es ja nicht geben. Ich würde also nur mehr 20-25 Stunden im Büro sein. Dann hätte ich Zeit für partizipative Bürgerinnen-Projekte, wo ich mit Gleichgesinnten spannende gesellschaftliche Projekte entwickeln und durchführen würde. Ich könnte mich mehr meinem Frauennetzwerk EWMD widmen, das Frauen in Führungspositionen unterstützen möchte, aber ich hätte auch mehr Quality-Time mit meinen Freunden.

Zur Person:
Ass. Prof. Dr. Ursula Maier-Rabler ist stellvertretende Leiterin des Centers for Information, Communication Technology & Society am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg und beschäftigt sich mit aktuellen Chancen und Herausforderungen in der digitalen Gesellschaft.

Fotocredit : Elke Holzmann-Riedler / solidcolours (istockphoto.com)



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Sandra Pillwatsch
Sandra Pillwatsch

Sandra Pillwatsch hat zwei Steckenpferde: Schreiben und Human Resources. Die weitgereiste HR-Expertin kombiniert beides in ihren Artikeln rund um das schöne neue Arbeitsleben. Mit einem Augenzwinkern durch die erfahrene Personalistinnen-Brille greift sie jene Themen auf, die das Job-Leben von heute und morgen betreffen.






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