Einkommensschere
#Compensation & Benefits | Conrad Pramböck

Einkommen in Österreich

Frauen und Männer verdienen gleich viel

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist heute bereits erreicht. Frauen und Männer verdienen im Schnitt für den selben Job genau gleich. Der Grund, warum nach wie vor die Schließung der Einkommensschere von rund 25 Prozent gefordert wird, liegt in einer irreführenden und inhaltlich unrichtigen Interpretation der offiziellen Statistiken.

Die seit Jahren aktuelle Debatte über höhere Einkommen für Frauen zielt völlig ins Leere. Sie beschränkt sich weitgehend darauf, Unternehmen dafür verantwortlich zu machen, dass sie strukturell und systematisch Frauen um durchschnittlich 25 Prozent weniger für gleiche Arbeit zahlen als Männer. Dieser Vorwurf ist völlig unhaltbar. Einerseits gibt es Berufsgruppen, wie etwa Beamte und Vertragsbedienstete oder Arbeiter, die nach einem fixen Schema vergütet werden, das keine Unterschiede zwischen Frauen und Männern vorsieht. Die Gehälter von weiblichen Angestellten müssten also um durchschnittlich fast die Hälfte niedriger sein als jene von Männern, damit sich die Rechnung ausgeht. Es widerspricht jedoch jeder Lebenserfahrung, dass Unternehmen für den selben Job Frauen im Schnitt halb so viel bezahlen wie Männern.

Um es klar zu sagen: Natürlich gibt es Gehaltsunterschiede für gleiche Arbeit, die in der Praxis sogar noch viel größer sind. Für vergleichbare Jobs sind Abweichungen von 20 oder 30 Prozent über und unter dem Durchschnitt völlig üblich. Aber diese Unterschiede erstrecken sich über die Geschlechtergrenzen hinweg. Kurz gesagt: Es gibt Frauen, die viel verdienen, es gibt Männer, die abcashen. Es gibt Frauen mit schlechtem Gehalt, es gibt unterdurchschnittlich bezahlte Männer.

Die Erkenntnis, dass Frauen und Männer für den selben Job gleich verdienen, widerspricht der landläufigen Meinung. Die entscheidenden Fragen lauten daher: Wenn Frauen und Männer gleich bezahlt werden, warum weisen dann alle offiziellen Statistiken Unterschiede der Erwerbseinkommen von Frauen und Männern zwischen 15 und 25 Prozent aus? Und warum gibt es so wenige private Partnerschaften, in denen die Frau mehr verdient als der Mann bzw. Lebensgefährte?

Statistiken über die Einkommensschere zwischen den Geschlechtern

Die meisten ins Spiel gebrachten Statistiken sind „Obstsalat-Studien“. Sie beantworten die Frage: „Welche Farbe hat Obst?“ und kommen zur Erkenntnis, dass Bananen gelb und Orangen orange sind. Es ist kein Wunder, dass in diesen Studien Frauen im Schnitt deutlich weniger als Männer verdienen, wenn in manchen Statistiken sogar Teilzeitkräfte mit Vollzeitbeschäftigten in einem Topf geworfen werden.

Um eine inhaltlich richtige Aussage über die Einkommen von Frauen und Männern zu treffen, genügt es jedoch nicht einmal, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen, sondern Sie müssen Granny Smith neben Granny Smith legen. Es gibt eine ganze Reihe an Kriterien für die Bemessung eines marktgerechten Gehalts – Position, Ausbildung, Alter und Berufserfahrung, Branche, regionaler Standort, Größe des Verantwortungsbereichs, etc. – die große Unterschiede bewirken können, aber von den offiziellen Statistiken mit einer unzureichenden Tiefe erfasst und berücksichtigt werden.

In einem Punkt haben jedoch alle Statistiken recht: Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer. In den meisten Ländern Europas liegt der Unterschied laut Eurostat zwischen 15 und 25 Prozent. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend.

Erstens: Die Gehälter von Frauen sind deutlich niedriger als die von Männern – jedoch in anderen Jobs

Zu Beginn der Karriere verdienen Frauen weniger als ihre Partner, weil sie bei formal gleicher Ausbildung häufig in schlechter bezahlten Jobs und / oder in schlechter zahlenden Branchen ins Berufsleben einsteigen. Gerade die schlecht zahlenden Branchen, wie etwa Non-Profit / Soziales, Gesundheit oder Tourismus, haben einen sehr hohen Frauenanteil. Die wenigen höher bezahlten Jobs in diesen Branchen werden häufig von Männern ausgeübt. Auf der anderen Seite sind typisch männliche Branchen und Positionen, etwa im technischen Bereich, überdurchschnittlich gut zahlende Industriezweige.

Selbst innerhalb eines Unternehmens ist das marktübliche Gehalt männlich dominierter Positionen, etwa in den Bereichen Technik, Controlling oder Finanzen, meist höher als das typisch weiblicher, wie etwa Marketing, Personal oder Kommunikation. Bereits in der Ausbildung, spätestens beim Jobeinstieg entscheidet sich daher zu einem guten Teil, wie die typische Gehaltskurve einer Person in den nächsten fünf bis zehn Jahren aussehen wird.

Auch bei formal gleicher Ausbildung haben Frauen und Männer unterschiedliche Karrierechancen. Akademiker ist nicht gleich Akademiker, denn es bestehen je nach Studienrichtung zum Teil völlig unterschiedliche Gehalts- und Karrierechancen. Wer ein technisches Studium absolviert hat, kann hierzulande mit zahlreichen finanziell attraktiven Jobangeboten rechnen. Andere Studienrichtungen, wie etwa Geistes- oder Sozialwissenschaften, haben vergleichsweise schlechtere Karriere- und Einkommensperspektiven. Üblicherweise haben technische Studien einen sehr hohen Männeranteil, während geistes- und sozialwissenschaftliche Studien eine überdurchschnittlich hohe Frauenquote haben.

Schließlich entscheiden auch Spezialisierungen und Praktika während des Studiums über die Einstiegschancen in einem bestimmten Bereich. Beim Wirtschaftsstudium besteht etwa die Wahl zwischen Spezialisierungen mit guten Gehalts- und Karriereaussichten, wie Controlling oder Finanzierung, die männlich dominiert sind, oder weniger gut bezahlten Bereichen, wie etwa Marketing oder Personal, in denen Frauen überrepräsentiert sind.

Einkommensstatistiken, die nur auf das formale Kriterium Akademiker Rücksicht nehmen, greifen also deutlich zu kurz. Die Einstiegsgehälter von Technikern in Industrieunternehmen liegen rund 50 bis 75 Prozent über den Einstiegsgehältern von Absolventen geistes- oder sozialwissenschaftlicher Studien. Hingegen ist der Verhandlungsspielraum beim Karriereeinstieg für eine bestimmte Position in vielen Unternehmen kleiner als 10 Prozent.

Quer über alle Branchen hinweg gilt, dass Frauen in gut bezahlten Jobs unterrepräsentiert sind und in schlecht bezahlten Positionen dominieren. Der Frauenanteil an den 10 Prozent der bestbezahlten Arbeitnehmer beträgt in der Mehrzahl der Unternehmen zwischen 10 und 30 Prozent. An den 10 Prozent niedrigst bezahlten Positionen in einem Unternehmen liegt der Frauenanteil hingegen meist zwischen 60 und 80 Prozent.

Zweitens: Teilzeitarbeit als Karrierekiller

Im weiteren Verlauf der Karriere sind Frauen in den gut dotierten Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert und verdienen deswegen weniger als Männer. Die Wurzel dafür liegt meist in der Altersgruppe Anfang / Mitte 30. Akademiker mit fünf bis sieben Jahren Berufserfahrung machen in dieser Karrierephase meist die ersten Schritte in Richtung Führungskarriere, etwa als Teamleiter oder Projektleiter.

Gleichzeitig bekommen viele Akademikerinnen zu dieser Zeit ihr erstes Kind. Während also der Mann Karriere macht, bleibt die Frau zumindest in der ersten Zeit zu Hause beim Kind. Bleibt eine Frau länger als zwei bis drei Jahre dem Beruf völlig fern, ist ein gleichwertiger Einstieg schwer möglich, da sich Organisationen, Ansprechpartner und Stelleninhalte häufig verändert haben.

Kommt eine Frau als Teilzeitkraft ins Unternehmen zurück, ist eine qualifizierte Arbeit in den meisten Unternehmen selbst für Akademikerinnen kaum möglich. Dies liegt teilweise am verständlichen geringeren beruflichen Ehrgeiz hinsichtlich Karriere und hierarchischem Aufstieg junger Mütter, die eher ihre Zeit mit ihrem Kind verbringen wollen, aber auch am mangelnden Angebot der Unternehmen, qualifizierte Tätigkeiten als Teilzeitjob anzubieten. Andererseits sind manche Arbeiten als Teilzeitkraft nur unter erheblichem Organisationsaufwand möglich, etwa im Bereich der gehobenen Kundenbetreuung, wo die rasche und laufende Verfügbarkeit eines persönlichen Ansprechpartners erwartet wird. Eine Führungsposition als Teilzeitkraft anzustreben, ist hierzulande derzeit völlig realitätsfern. Insofern ist es berechtigt, vom „Karrierekiller Teilzeitarbeit“ zu sprechen.

Mögliche Lösungen zur Schließung der Einkommensschere

Die faire Entlohnung von Frauen ist kein betriebswirtschaftliches Thema, da die Unternehmen bereits heute Frauen und Männer für gleiche Tätigkeiten im Schnitt gleich entlohnen. Es gibt ohne Zweifel zahlreiche Einzelfälle von Diskriminierung, die mit Unterstützung von Institutionen wie etwa der der Gleichbehandlungsanwaltschaft in Österreich verfolgt und beseitigt werden sollten. Aber es gibt keine systematische Benachteiligung von Frauen beim Thema Gehalt, erst recht nicht in Höhe von durchschnittlich über 20 Prozent, wie verlautbart wird.

Wem es ein wirkliches Anliegen ist, Frauengehälter nachhaltig zu erhöhen, sollte den öffentlichen Diskurs zu folgenden Themen suchen:

Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit:

Die Arbeit vieler Frauen in unserer Gesellschaft hört nicht mit Büroschluss auf. Sie geht weiter in Hausarbeit, Pflege und Zuwendung zu Kindern, Partnern und anderen Familienangehörigen. Frauen leisten hierzulande deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Die Frage ist offen, welchen Beitrag Institutionen außerhalb der Partnerschaft leisten können oder sollten, um ein Gleichgewicht herzustellen.

Traditionelle Geschlechterrollen:

Unsere Gesellschaft ist stark geprägt von klaren Geschlechterrollen, gerade das Berufsleben betreffend. Fast 50 Prozent aller Mädchen wählen einen der drei dem klassischen Rollenbild entsprechenden Lehrberufe: Einzelhandel, Bürokauffrau oder Friseurin, alle drei deutlich schlechter entlohnt als typische Männerberufe. Besonders nach Geburt eines Kindes treten die Geschlechterrollen hinsichtlich Kinderbetreuung und Pflege bei Krankheit stark in Erscheinung. Jeder einzelne ist gefragt, die gesellschaftliche Akzeptanz etwa von berufstätigen Müttern und Vätern in Karenz voranzutreiben und sie nicht als „Rabenmütter“ bzw. „Weicheier“ zu bezeichnen.

Gesellschaftliche Anforderungen an Frauen:

Das Rollenbild einer erfolgreichen Frau beinhaltet heute viele zusätzliche Aspekte, die über die Pflichten früherer Generationen deutlich hinausgehen. Von einer erfolgreichen Frau wird heute erwartet, dass sie eine gute Ausbildung hat, einen guten Job, ein selbständiges Einkommen, eine Partnerschaft, in späterer Folge Nachwuchs, den sie vorwiegend selbst betreut, gleichzeitig aber Vollzeit weiterarbeitet, um nicht armutsgefährdet zu sein, den Haushalt führt, eine liebevolle Partnerin ist, etc. All das ist in dieser Fülle einfach nicht schaffbar und bedarf dringender Infragestellung, bevor die Frauen an den unerfüllbaren Vorgaben der Gesellschaft zerbrechen.

Änderung der Mentalität statt Änderung von Gesetzen:

Die Frauenbewegung existiert hierzulande seit den 1970er Jahren. In den vergangenen 40 Jahren hat es zahlreiche Gesetze zur Gleichstellung, teilweise auch zur Bevorzugung von Frauen gegeben. Die Gesetzeslandschaft hat sich jedoch schneller verändert als die Mentalität der Bevölkerung. Es ist offen, was getan werden kann und sollte, um ein Gleichziehen zu bewirken.

Mangelhafte Studien- und Berufsberatung:

Viele wichtige Entscheidungen über die künftige Karriere- und Einkommensentwicklung werden zu einem recht frühen Zeitpunkt im Leben getroffen. Die inhaltliche Unterstützung, die passenden und richtigen Entscheidungen zu treffen, ist hierzulande im Gegensatz zu zahlreichen anderen Ländern völlig unzureichend. Vielen jungen Menschen fehlt eine Orientierung über die Berufswelt komplett, was tendenziell eine Verfestigung der herkömmlichen Rollenbilder bewirkt.

Verantwortung für sich selbst übernehmen:

Die heutige Diskussion konzentriert sich stark auf die Beschuldigung anderer Gruppen, die für die Diskrimierung der Frauen verantwortlich sein sollen, wie etwa Unternehmen und deren männliche Manager. Andererseits drängen Vorurteile über vermeintliche Schwächen, wie angeblich pauschal mangelnder Ehrgeiz oder fehlendes Verhandlungsgeschick, Frauen in die Opferrolle. Beruflicher Erfolg kommt nicht von allein, und die entscheidende Frage lautet, welchen Preis jeder selbst dafür zu zahlen bereit sind.

Fazit

Für gleiche Jobs verdienen Frauen und Männer innerhalb derselben Gehaltsbandbreite. Strukturelle Gehaltsunterschiede von rund 25 Prozent für denselben Job gibt es in der Realität nicht. (Dass männliche Selbständige bei Vollzeitbeschäftigung im Schnitt rund 75 Prozent mehr als vergleichbare weibliche Selbständige verdienen, scheint hingegen niemanden zu stören.)

Es liegt nicht an den Unternehmen, dass Frauen im Schnitt deutlich weniger verdienen als Männer, es ist eine gesellschaftliche Fragestellung. Wer nicht bereit ist, über diese gesellschaftlichen Themen statt über die offensichtliche Einkommensschere zu sprechen, hat in der Gehaltsdebatte nur Interesse an Polemik und an der schnellen Schlagzeile.

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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Conrad Pramböck
Conrad Pramböck

Dr. Conrad Pramböck leitet den Geschäftsbereich Compensation Consulting bei der internationalen Personalberatung Pedersen & Partners. Von Wien aus berät Pramböck weltweit Unternehmen in Gehaltsfragen mit Schwerpunkt auf Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. Insgesamt hat er Gehaltsprojekte in über 40 Ländern durchgeführt. Neben seiner Beratungstätigkeit betreut er die internationale Gehaltsdatenbank von Pedersen & Partners und ist Lektor auf verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten.