anonyme Bewerbung
#Recruiting | Andrea Heider

Die anonyme Bewerbung

Eine Bewerbung ohne Gesicht?!

Die anonyme Bewerbung – In den USA, Groß Britannien, aber auch in Frankreich oder Belgien ist sie Normalität, im deutschsprachigen Raum jedoch eher unüblich: Bewerbungsunterlagen ohne Bewerbungsfoto. In den USA wird bereits seit den 1960er Jahren auf ein Foto in der Bewerbung verzichtet, in manchen kanadischen Bundesstaaten ist dieses sogar per Gesetzt verboten. Doch warum sträuben sich deutschsprachige Personalisten gegen eine Bewerbung ohne Foto? Was spricht eigentlich dagegen? Bei genauerer Überlegung müssten doch auch die Angaben über die bisherige Berufserfahrung ausreichend Auskunft über die Qualifikation eines Kandidaten liefern?

Anonymisierte Bewerbungen verzichten auf folgende Punkte: Name, Adresse, Alter, Geschlecht, Familienstand, Herkunft/Nationalität und auf das Bewerbungsfoto. Bewerber werden ausschließlich anhand ihrer Qualifikationen bewertet. Sogenannte „unconcious bias„, also unbewusste Denkmuster, beeinflussen in diesem Falle das Auswahlverfahren nicht. Das bedeutet konkret, dass Bewerber nicht aufgrund ihrer Erscheinung, ihres Alters, ihrer religiösen/nationalen Zugehörigkeit oder gar aufgrund ihres Namens vom Bewerbungsprozess ausgeschlossen werden. Mit anonymisierten Bewerbungsunterlagen wird versucht Diskriminierung vorzubeugen. Dadurch wird ein Bewerbungsfoto komplett hinfällig.

Traurige Bewerbungsrealität

Bewerbungsrealitäten und Studien belegen, dass vor allem Frauen, Bewerber mit Migrationshintergrund, aber auch ältere Bewerber, also 45+ oder solche mit einer Behinderung oftmals für einen Job gar nicht erst in Erwägung gezogen werden, obwohl sie die passenden Qualifikationen mitbringen. Erst kürzlich verkündete die Personalchefin von Siemens, Frau Janina Kugel, dass im Konzern ebenfalls darüber gesprochen werde, Fotos aus Bewerbungen zu verbannen.

Komplett anonymisierte Bewerbungsverfahren können in Form eines anonymisierten Online-Bewerbungsformulars oder auch durch Schwärzen der betreffenden Angaben durchgeführt werden. In diesem Falle müsste dies von einer speziell dafür vorgesehenen Stelle gemacht werden, der Personaler bekommt dann erst kurz vor dem Vorstellungsgespräch alle notwendigen Informationen über den Kandidaten, um sich auf das Gespräch vorbereiten zu können. Jeden Falles benötigt man klare Rahmenbedingungen, die auch an Bewerber kommuniziert werden. Eine absolut objektive Entscheidung für oder gegen einen Bewerber ist in der Realität selten. Viele Personaler verlassen sich nach wie vor auf ihr Bauchgefühl. Speziell die Frage nach „soft skills“ oder, ob ein Bewerber ins Team passt, lässt sich vermutlich mit einer anonymisierten Bewerbung schwierig beantworten.

Vor- und Nachteile der anonymisierten Bewerbung

Anonymisierte Bewerbungen machen durchaus Sinn, denn es werden nur noch die Qualifikationen eines Bewerbers bewertet. Außerdem sind anonymisierte Bewerbungsunterlagen oftmals auch einheitlich, dadurch besser vergleichbar. Unconcious Bias lassen sich vermeiden, doch drängt sich die Frage auf, ob nicht spätestens beim Vorstellungsgespräch diese wieder aktiv werden. Gegner der anonymen Bewerbung argumentieren nämlich, dass dadurch Kandidaten unnötiger Weise zu einem Gespräch eingeladen werden. Eine Bewerbung mit Foto gäbe nämlich einen ganzheitlichen Eindruck vom Bewerber. Es wird argumentiert, dass der Gesamteindruck einer Person wichtiger sei, als ihr Werdegang oder ihr Notendurchschnitt.

Darüber hinaus haben Bewerber nicht mehr die Möglichkeit ihre Unterlangen individuell zu gestalten. Vor allem für Berufseinsteiger ist eine anonymisierte Bewerbung sicherlich eher ein Nachteil, da im Bewerbungsschreiben nicht mit Berufserfahrung und Qualifikationen geworben werden kann. Anonyme Bewerbungen: ja oder nein? Einiges spricht dafür, einiges dagegen. Jeden Falles muss die Einstellung niemanden aufgrund von Alter, Geschlecht, Religion oder Herkunft diskriminieren zu wollen, eine Geisteshaltung im Unternehmen sein. Denn, wie bereits erwähnt, anonyme Bewerbungen machen recht wenig Sinn, wenn spätestens beim Vorstellungsgespräch die alten Denkmuster bei Personalern wieder aktiv werden. Die Katze beißt sich dann nämlich in den Schwanz. Das bedeutet: die Anonymisierte Bewerbung schützt nicht vor Diskriminierung im Interview bzw. schlimmsten Falles sogar am Arbeitsplatz.
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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.