Der Neuro-Hype
#Leadership | Clemens Böge

Der Neuro-Hype

Was kann die Gehirnforschung tatsächlich leisten?

Der erste große Hype um alles, was mit der Silbe Neuro beginnt, liegt bereits einige Jahre zurück. Dennoch bleibt das Thema auf der Agenda und hält mehr und mehr Einzug in die Bereiche Management, Personalentwicklung und Führung. Neurotraining, Neurocoaching, Neuroleadership – zahlreiche Konzepte und Anbieter speziell im Beratungsmarkt versprechen eine „gehirngerechte“ und dadurch effektivere Vermittlung von Botschaften. Neurofeedback soll Leistungssteigerungen bewirken durch ein „interaktives Gehirnwellentraining, das von der NASA für Astronauten entwickelt wurde.“ (Website eines Anbieters)

Ich bin kein Experte für Gehirnforschung. Aber ich verspüre regelmäßig ein gewisses Unwohlsein, wenn angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Neuro-Welt auf den beruflichen Alltag übertragen werden. Das klingt häufig ein bisschen zu einfach für ein so kompliziertes Ding wie unser Gehirn. Oder wie es Heinz von Foerster formuliert hat: Kann sich das Gehirn denn überhaupt selbst verstehen?

Die Neurowissenschaften

Sehr häufig und ebenso allgemein werden als Bezugspunkt für Konzepte und Methoden die „Erkenntnisse der Gehirnforschung“ herangezogen. Das klingt so, als gäbe es eine klar abgegrenzte wissenschaftliche Disziplin, in der sich die Akteure noch dazu halbwegs einig wären. Das Gegenteil ist der Fall. Zu den Wissenschaftlern, die sich mit dem menschliche Gehirn beschäftigen, gehören Mediziner und Biologen, Physiker und Psychologen, Chemiker und Philosophen. So vielfältig wie die Disziplinen sind naturgemäß auch die Perspektiven auf den Gegenstand der Untersuchung. Nach wie vor gibt es keine einheitliche und von allen akzeptierte Theorie darüber, wie unser Gehirn funktioniert.

Weitgehende Einigkeit herrscht mittlerweile darüber, dass die Idee der Lokalisation nicht haltbar ist, dass es also eine Hirnkarte mit abgegrenzten Arealen gibt, in denen bestimmte Aktivitäten quasi exklusiv stattfinden. Zwar gibt es spezialisierte Hirnregionen, es braucht aber meist das ganze Gehirn, um komplexe Dinge wie z.B. Sprache hervorzubringen. Dieselben Hirnareale sind außerdem bei ganz unterschiedlichen Aufgaben oder Verhaltensweisen aktiv. Hinzu kommt noch, dass sich das Gehirn durch Erfahrungen und Training permanent verändert, weiter entwickelt und dabei selbst organisiert (die Gehirnforschung spricht von Neuroplastizität). Der Ausgangspunkt aller Neuro-Konzepte ist also heterogen, teilweise vorläufig und hochkomplex.

Bunte Bilder

Einen wesentlichen Einfluss auf die Erkenntnisse der Hirnforschung, vor allem aber auf die Rezeption in der Öffentlichkeit hatten und haben die bildgebenden Verfahren wie z.B. die Magnetresonanztomographie (MRT). Die bunten Bilder unseres Hirns sind ein wesentlicher Treiber der Entwicklung. Aber was ist dort wirklich zu sehen? Eine MRT-Aufnahme zeigt keine Gedanken und auch keine Neuronen bei der Arbeit. Sie stellt lediglich Veränderungen in der Sauerstoffaufnahme in verschiedenen Hirnregionen dar. Auf die neuronale Aktivität kann auf Basis eines MRT-Befundes nur sehr indirekt geschlossen werden. Hinzu kommt eine Unschärfe aufgrund der zeitlichen Auflösung: Wenn das MRT etwas aufzeichnet, ist es schon vor 1-2 Sekunden passiert. Für Hirnverhältnisse eine sehr lange Zeit. Schließlich suggerieren die Bilder mit ihrem breiten Farbspektrum und den starken Kontrasten deutlich größere Unterschiede, als es auf Ebene der neuroanalen Aktivität tatsächlich der Fall ist.

Trotz Hightech und trotz aller unbestreitbaren Fortschritte sagt Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main: „Heute weiß ich weniger über das Gehirn, als ich vor 20 Jahren zu wissen glaubte.“ Je mehr die Wissenschaft herausfindet, desto komplizierter werden die Zusammenhänge. Trotzdem werden diese Erkenntnisse als Grundlage genutzt, um Konzepte und Beratungsangebote zu konzipieren und am Markt anzubieten. Ein gewisse Skepsis ist also durchaus angebracht, zumindest wenn der Transfer allzu einfach und direkt erfolgt.

Transfer

Im Ergebnis fordern viele Konzepte, wie zum Beispiel Neuroleadership, eine Aufwertung der Emotionen als Grundlage für Entscheidungen und Verhalten. Gefühle sind untrennbar mit unserem Verstand verbunden, es gibt demnach keine ausschließlich kognitiv-rationalen Entscheidungen. Führungskräfte sollten daher das Belohnungssystem im Gehirn ihrer Mitarbeiter aktivieren, indem sie eine angenehme Arbeitssituation schaffen und für positive Erfahrungen sorgen. Solche Erfahrungen entstehen zum Beispiel durch neue aber zu bewältigende Herausforderungen, echtes Lob und Wertschätzung und durch ein Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit, wenn eigenes Können und eigene Erfahrung erfolgreich eingesetzt werden. Versuche einer extrinsischen Motivation durch Anreize bewirken dagegen wenig.

Das alles klingt durchaus attraktiv, irgendwie zeitgemäß und nach einem deutlichen Gegenentwurf zu klassischen Motivationskonzepten. Völlig neu ist es aber nicht. Gerade im systemischen Denken sind derartige Ansätze seit langem stark ausgeprägt, aber vielleicht braucht es eine zusätzliche wissenschaftliche Bestätigung. Auch gibt es bereits jetzt Führungskräfte, die in der beschriebenen Weise agieren. Nicht nur, weil sie so mehr Leistung von ihren Mitarbeitern erwarten können, sondern vor allem, weil sie ein solches Verhalten für richtig halten, weil es ihren Werten und ihrem Menschenbild entspricht. Die Frage ist, ob allein das Wissen über neuronale Zusammenhänge ausreicht, um ein angemessenes und wirksames Verhalten an den Tag zu legen. Ich denke, nein. Mitarbeiter haben in der Regel ein feines Gespür dafür, ob eine Führungskraft aus Überzeugung agiert oder ob es „antrainiert“ ist. Ist das jetzt ein echtes Lob, oder war der Chef mal wieder auf einem (Neuro-)Seminar? Es geht um Authentizität und die kann man nicht vortäuschen. Dafür braucht es etwas mehr als einen Seminarbesuch, nämlich Reflexion und Selbstführung.

Literaturtipp

Matthias Eckholdt: Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis, Carl-Auer 2013

 



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Clemens Böge
Clemens Böge

Dipl.-Oec Clemens Böge, MSc ist selbständiger Unternehmensberater und arbeitet schwerpunktmäßig für und mit Personen, Teams und Organisationen aus Marketing und Medien. Mehr unter www.beraterei-boege.com