Demokratische Unternehmen
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Demokratische Unternehmen

Wenn Mitarbeiter mitbestimmen

Mitarbeiter, die ihren Chef selber whlen und ber Investitionen und Akquisen entscheiden: Was fr viele Unternehmen wie ein wahr gewordener Alptraum klingt, ist fr den Psychologen Wolfgang G. Weber (Institut fr Psychologie, Universitt Innsbruck) eine Mglichkeit fr Firmen, sicher durch Krisen zu kommen. Im exklusiven Interview mit JOBnews.at verrt er, wie man Mitarbeiter fr mehr Mitbestimmung begeistert und welche Rolle HR in demokratischen Unternehmen spielt.

JOBnews.at: Herr Weber, welche Formen der Demokratie gibt es in Unternehmen?
Wolfgang Weber: Wir unterscheiden seit den 70er Jahren verschiedene Formen der Mitsprache und Mitwirkung. Im engeren Sinne bedeutet Mitentscheidung, dass Vertreter der Beschftigtengruppen und die Unternehmensleitung in demokratisch zusammengesetzten Gremien gemeinsam versuchen, eine Entscheidung zu treffen. Das sind so genannte parittische Modelle: Jede Gruppe entscheidet gleichberechtigt mit.

Von welchen Entscheidungen sprechen wir da?
Das sind unternehmenstaktische Angelegenheiten oder bestimmte strategische langfristige Entscheidungen im Unternehmen. Da geht es beispielsweise um eine Abstimmung ber den Jahresabschluss, wichtige Investitionen oder die Akquisition anderer Unternehmen. Aber auch taktische Fragen knnen mitentschieden werden. Unter Umstnden kann Fhrungspersonalgewhlt oder Arbeitszeitmodelle geplant und mitentschieden werden.

Wie verbreitet ist die demokratische Denkweise in europischen Unternehmen?
In vielen westeuropischen Lndern gibt es die gesetzlich geregelte Mitwirkung, wo insbesondere im Personalbereich kurz- bzw. mittelfristig taktische Angelegenheiten mitentschieden werden knnen. Da handelt es sich aber eher um kurzfristig angelegte und auf das Individuum bezogene Entscheidungen. Es gibt wenige demokratische Entscheidungen ber strategische Fragen.

Das heit, langfristig wird in vielen Firmen noch Top-Down entschieden?
Es gibt Schtzungen aus den 80er Jahren, dass es in sterreich um die 70 demokratische Reformunternehmen gibt. In Deutschland reden wir im vergangenen Jahrzehnt von hundert bis zu 5000 Firmen. Das sind in der Regel Klein- und Mittelunternehmen, wo die Unternehmensfamilie ein demokratisches Modell freiwillig eingefhrt hat oder Unternehmen in Belegschaftsbesitz. Eher weniger bekannt ist die klassische Arbeitsgenossenschaft, die es in sterreich in allen Bundeslndern gibt. Dort gehrt das Unternehmenskapital oder ein Teil davon den Mitarbeitern. Als Gesellschafter knnen diese dann in Vollversammlungen ber strategische Fragen mitentscheiden.

Was haben Unternehmen von mehr Demokratie?
Studien aus Europa und den USA belegen, dass die Lebenserwartung der Unternehmen mit Mitarbeiterbeteiligung deutlich lnger ist und sie auch besser durch Krisenzeiten kommen. Zweitens ist der Verdienst der Mitarbeiter in der Regel besser, und nicht zuletzt ist auch die konkrete Arbeitssituation im Sinne einer menschengerechten Arbeitsgestaltung besser. Logisch: Wenn die Mitarbeiter mehr zu sagen haben, sind auch Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Belegschaft strker von gegenseitiger Anerkennung geprgt. Das wirkt sich auch auf die Loyalitt der Mitarbeiter aus: Die Identifikation mit dem Unternehmen ist in der Regel deutlich besser als in vergleichbaren Unternehmen.

Das klingt nach dem perfekten Unternehmen. Warum setzen dann so wenige Firmen dieses Modell um?
Zum einen prgt viele Fhrungskrfte und Firmen noch der Angst vor dem Kontrollverlust. Und zum anderen geht mehr Demokratie im Unternehmen nicht ber Nacht. Wenn Firmen so etwas einfhren mchten, braucht es Qualifizierungsprozesse, und zwar sowohl im betriebswirtschaftlich-technischen Bereich als auch auf Seiten der Partizipationskompetenz der Mitarbeiter. Oft hat die Belegschaft keine groe Erfahrung mit Mitbestimmung. Man muss den Leuten daher die Prinzipien einer effizienten und kollektiven Planung erst nherbringen und auch faire Entscheidungsprinzipien vermitteln. Ein Problem vieler gescheiterter Versuche war, dass die berwiegende Anzahl der Mitarbeiter es schlicht nicht gewohnt war, Mitsprache zu ben oder mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Da ist vor allem der Personalbereich massiv gefordert, hier soziale Kompetenzen zu vermitteln und Fhrungsebenen pdagogisch und psychologisch zu frdern.

Gibt es bestimmte Prinzipien demokratischer Fhrung, die an der Spitze der Hierarchie erlernt werden mssen?
Ganz wichtig sind prozedurale Gerechtigkeit sowie eine Transparenzder Entscheidungsprinzipien. Demokratie heit nicht, dass Mitarbeiter alles entscheiden mssen oder knnen. Anerkennende Fhrung beinhaltet eine offene, warme Kommunikation, in der man das Gegenber als Mensch anerkennt – auch wenn man sachliche Differenzen hat. Demokratisch zu fhren heit auch Hilfe zur Selbsthilfe: Man definiert anspruchsvolle Aufgabenbereiche fr eine bestimmte Mitarbeitergruppe und bietet Untersttzung an, ohne gleich in die Rolle eines autokratischen Fhrers zu fallen. Das passiert leider immer wieder, wenn die Mitarbeiter keine hheren Belastungen tragen knnen oder wollen.

Was mache ich, wenn Mitarbeiter gar nicht mitbestimmen wollen?
Der wichtigste Punkt ist: Demokratie kann man nicht mit Zwang einfhren, das ist ein Widerspruch in sich. Stattdessen sollten Unternehmen zu organisations- und personaldiagnostischen Methoden greifen und zunchst einmal schauen, wie die Mitarbeiter berhaupt zu den Themen Mitsprache und Mitentscheidung eingestellt sind. Man kann die Leute auch ganz einfach fragen, in welchen inhaltlichen Bereichen sie gerne mitbestimmen wollen und wo ihnen das zu belastend ist. Ein weiterer Ansatz wre, sich ein demokratisches Unternehmen vor Ort mal anzusehen und anschlieend in der Gruppe zu diskutieren, was einem dabei gefallen hat und was nicht. Und schlussendlich sind natrlich Workshops unabdingbar, wo Vertreter aus allen Mitarbeiterschichten mit dem Management diskutieren, welches Modell sie sich fr die Zukunft vorstellen knnen.

Abschlieend: Ein Tipp fr Unternehmen, die mehr Demokratie wagen wollen?
Weniger ein Tipp als vielmehr ein Appell: Wir haben hier am Institut nachgewiesen, dass Mitarbeiter aus demokratischen Unternehmen erhhte Hilfsbereitschaft und Untersttzung zeigen. Das geht sogar soweit, dass diese Menschen auch gesellschaftlich sozialer eingestellt sind und sich strker frs Gemeinwesen engagieren. Unternehmen, die mehr Mitsprache und Mitentscheidung zulassen, wrden ihrer Gesellschaft daher einen groen Dienst erweisen: Auf diese Weise knnen sie etwas fr die Stabilitt der Demokratien in Europa tun – und gleichzeitig ihr Unternehmen strken und festigen.



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