Deep Listening
#Work & Life | Doris Hartl

„Deep Listening“

als Führungsqualität

Erfolgreiches Beziehungsmanagement durch achtsame Kommunikation

„Deep Listening“ als Führungsqualität – Dialogorientierte Mitarbeiterführung, ein respektvoller Umgang und eine konstruktive Feedbackkultur – oftmals nur eine gedruckte Notiz im Unternehmens- oder Führungshandbuch, wenn überhaupt. Und dennoch haben sie eine große Auswirkung auf das Arbeitsklima, die Unternehmenskultur sowie letztlich auf den wirtschaftlichen Gesamterfolg. Es geht um das Zwischenmenschliche, das Miteinander. Werte, die auf der HR-Agenda zukünftig oberste Priorität haben werden. So zeigte auch der 2015 Global Human Capital Trends Report von Deloitte, dass firmeninterne, gezielte Maßnahmen und neue Ansätze im Bereich „Kultur und Engagement“ am ersten Platz rangieren, gefolgt von „Leadership“.

Doch welchen Stellenwert hat ehrliche, achtsame und wertschätzende Kommunikation als Teil der Unternehmens- und Führungskultur? Wie sehr wird auf das tatsächlich Gesagte geachtet und wie oft reiht sich „business talk“ vor „Bedürfnisklärung“?
Um achtsame Kommunikation tatsächlich zu leben, bedarf es einer wesentlichen Kompetenz, der oft wenig Beachtung geschenkt wird: dem Zuhören.

Körper, Geist und Emotionen – ein ganzheitlicher Ansatz

Das Konzept von „Deep Listening“ oder der achtsamen Kommunikation setzt hier an und sieht Kommunikation als ganzheitlichen Prozess, der Körper, Emotionen und Gedanken gleichsam miteinbezieht. Definiert wird Deep Listening als professionelle Schulung im Zuhören. Im Zuge dessen wird die Aufmerksamkeit auf zwei verschiedenen Ebenen geschult: auf kognitiver (Fokus auf Inhalt und Geschichte, also das Gesagte) und der Gewahrseinsebene. Während den meisten das Zuhören auf kognitiver Ebene gut gelingt, braucht es vor allem auf der Gewahrseinsebene Praxis. Hierbei übt sich der Zuhörer in „Achtsamkeit“, ist präsent und nimmt vor allem die nonverbalen Aspekte, also das Unausgesprochene wahr. Das, was implizit vermittelt wird. Ziel ist es, für alle kommunikativen Botschaften offener zu sein und sie tiefer aufzunehmen.

Entwickelt wurde die Deep-Listening Methode 2004 und vereint Erkenntnisse und Methoden der humanistischen Psychologie mit Elementen aus der tibetisch-buddhistischen Tradition, darunter Gewahrsein, Achtsamkeit und Mitgefühl. So sind es im Wesentlichen drei Kernkompetenzen, die entwickelt werden: Embodiment, Präsenz und Mitgefühl. Mit „Embodiment“ oder Fühlen mit dem Körper wird der Fokus auf den eigenen Körper gelenkt, auf einen wichtigen Selbstreferenzort im eigenen Körper. So ist auch hier die Selbstwahrnehmung und die intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken ein zentraler Baustein. Nur wenn ich mich selbst kenne, kann ich auch eine Verbindung zu meinem Gegenüber herstellen. Die Person lernt, in der Situation ganz bei der/m SprecherIn zu sein und gleichzeitig innere Prozesse wahrzunehmen.

Für gutes Zuhören braucht es aber eine wichtige Grundvoraussetzung: Empathie oder Einfühlungsvermögen. Als die Fähigkeit, sich in die Gedanken, Gefühle und das Weltbild von anderen hineinzuversetzen. Tania Singer vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften weist auf den Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl hin. Sie beschreibt Empathie als eine Vorstufe von Mitgefühl. Im Grunde genommen ist alles miteinander verbunden. Und die gute Nachricht? Empathie als auch Mitgefühl sind erlernbar. So legen die Ergebnisse von Untersuchungen mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRI) nahe, dass positive Emotionen wie Mitgefühl und Empathie genauso geschult werden können, wie das Spielen eines Musikinstruments.

Erfolgreiches Beziehungsmanagement durch Achtsamkeit

Im Business-Kontext sind Empathie und Achtsamkeit eine wertvolle Ressource. Sie ermöglichen nicht nur ein konstruktives Miteinander (besseres Verständnis, weniger Konflikte), sondern unterstützen die Produktivität und Effektivität jeder/s Einzelnen. Durch eine gesteuerte Hinwendung, werden sich Personen ihrer eigenen Denk- und Handlungsmuster bewusst und können so negative Automatismen durchbrechen. Sie lernen während eines Gesprächs achtsam – das bedeutet präsent, mit allen Sinnen und ohne zu werten – beim Gegenüber zu sein, reflektieren eigene Sichtweisen und weiten so ihren Handlungsspielraum. Erst dadurch ist situative Handlungskompetenz möglich.

Nicht nur für die interne Kommunikation sondern auch im Dialog mit KundInnen oder GeschäftspartnerInnen sind verfeinerte Fertigkeiten im Zuhören wichtig. Achtsame Kommunikation, die von allen MitarbeiterInnen authentisch gelebt wird. Dafür braucht es eine Verankerung in der Unternehmenskultur („Code of Conduct“), sodass sie im beruflichen Alltag zur täglichen Praxis wird. Zudem müssen MitarbeiterInnen zielgerichtet geschult werden und klare Handlungsanweisungen (Fallbeispiele oder best practice) erhalten.

Selbstmanagement ist das Schlagwort der Stunde. Dafür braucht es aber eine entsprechende Kompetenzentwicklung in der Körper-, Geist- und Emotionsbetrachtung. Diese „Trinität“ ist im Menschenbild der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl ähnlich definiert. „Der Mensch ist leiblich, seelisch und geistig zugleich. Das macht seine Einheit aus“, so Frankl. Demnach sollte auch in der Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung ein ganzheitlicher Ansatz gewählt werden, der alle Ebenen berücksichtigt und gleichzeitig auf die Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung jeder/s Einzelne abzielt, denn: „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist.“ (Viktor E. Frankl)



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Doris Hartl

Den Menschen in seiner Vielfalt zu betrachten, und das wertfrei. Empathie und ein achtsamer Umgang mit sich und anderen sind wichtige Werte, die es (wieder) zu vermitteln gilt. Auch wenn Organisationsstruktur & -kultur als auch gelebte Kommunikationsprozesse berücksichtigt werden müssen, so geht es letztlich um den Menschen und um ein besseres Miteinander. Mag. (FH) Doris Hartl, MA ist Eigentümerin von Aroha Consulting sowie Dozentin für "Interkulturelles Management" und bietet Trainings & Beratung in den Bereichen: Kulturelle Vielfalt, Empathische Kommunikation und Achtsamkeit. www.aroha-consulting.com