Recruiting-Dilemma
#Trends im Recruiting | Barbara Oberrauter

Das Recruiting-Dilemma

Warum HR in Zukunft strategischer denken muss

Personaler der Zukunft stehen vor einem Recruiting-Dilemma: Auf der einen Seite rückt der Arbeitsmarkt dank der demografischen Entwicklung näher in Richtung Vollbeschäftigung. Auf der anderen Seite erleben Personalverantwortliche mit veränderten Kompetenzprofilen und stetiger Mitarbeiterfluktuation neue Arbeitsmodelle. Diese lassen sich nicht in klassische Rekrutierungsstrategien einpassen, sagt der Trendforscher und Direktor des 2b AHEAD ThinkTanks, Sven Gabor Janszky. Er ist davon überzeugt, dass die HR-Abteilung der Zukunft strategisch auf höchster Vorstandsebene anzusiedeln ist. Ansonsten drohe ihr die Auflösung.

Schätzungen zufolge werden dem deutschen Arbeitsmarkt 2025 zwischen zwei und 5,2 Millionen Menschen fehlen. Die Folge: Die Machtverhältnisse verschieben sich von Arbeitgebern hin zu Arbeitnehmern. Immer mehr Menschen wechseln als Projektarbeiter ihre Arbeitgeber und begreifen Arbeit als gestaltbares Element ihrer Patchworkbiografie. Auf sie muss sich HR einstellen, will sie nicht am Markt vorbeirekrutieren, sagt Janszky: „All die Recruitingmechanismen, die wir heute kennen, sind für einen Angebotsmarkt brauchbar. In inem Nachfragemarkt funktionieren diese nicht mehr.“

Er geht in seinem neuen Buch „Das Recruiting-Dilemma“ davon aus, dass bis zu 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in befristeten Projektverträgen arbeiten. Das zerstört die bisherige Stabilität im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer zunehmend: „Die Grundfrage der Recruiter wird sein, wie sie mit dieser Gruppe der qualifizierten Menschen umgeht, die als Projektarbeiter flexibel und wendig sind.“

Unternehmen entwickeln sich in zwei verschiedene Richtungen, sagt der Trendforscher: „Zum einen wird es das fluide Unternehmen geben. Das sind die Firmen vor allen in den Metropolen, die professionell im Anziehen und Abstoßen von Projetarbeitern werden. Ein Abteilungsleiter kündigt seinen besten Mitarbeiter in diesem Fall nicht, weil er ihn loswerden will, sondern weil er ihm ermöglichen will, spannendere Projekte zu verfolgen. Geht dieser Mitarbeiter im Guten, bleibt er weiterhin im Netzwerk verfügbar – anders, als wenn ich ihn zu halten versuche und er nach zwei Jahren frustriert kündigt. Den krieg ich nicht mehr ins Haus.“

Diese Strategie funktioniere für Unternehmen, die in großen Ballungsräumen ohnehin über genug Strahlkraft verfügen, um qualifiziertes Personal anzuziehen. Anders sieht es Janszky zufolge für Unternehmen in ländlicheren Gebieten aus: Diese müssten sich dem Trendforscher zufolge zu so genannten „caring companies“ umwandeln. „Das Problem dieser Unternehmen ist, dass hochqualifizierte Projektarbeiter nicht vorbeikommen – es ist für sie nicht attraktiv, in die Provinz zu gehen. KMUs in ländlichen Regionen brauchen eine neue Strategie, um Mitarbeiter zu binden.“

Der Trick: Unternehmen zielen nicht wie bisher auf die einzelne Person und versuchen, diese mit Geld oder Incentives zu halten. Vielmehr werden „caring companies“ mehr als bisher in das soziale Umfeld der Mitarbeiter investieren, ist Janszky überzeugt: „Das Unternehmen kümmert sich um Kinder, Partner und Eltern der Mitarbeiter. Das fängt bei Schulbesuchen und eventuellen Pflegedienstleistungen an und geht bis hin zur Freizeit- und Urlaubsgestaltung.“

Recruiter, die sowohl für fluide als auch für „caring companies“ tätig sein wollen, müssten lernen, sich zu vernetzen, sagt Janszky. „Das persönliche Netzwerk und die Kommunikationsfähigkeit wird ausschlaggebend dafür sein, ob ein Mensch für das Unternehmen gewonnen werden kann oder nicht.“

INFO:
Sven Gábor Jánszky: „Das Recruiting-Dilemma. Zukunft der Personalarbeit in Zeiten des Fachkräftemangels“
Haufe Verlag
222 Seiten
34,95 Euro
ISBN: 978-3-648-05748-3



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.