Coaching intern oder extern?
#Recruiting | Clemens Böge

Coaching: intern oder extern?

Möglichkeiten und Grenzen aus drei Perspektiven

Der Markt für Coaching ist nach wie vor ein wachsender. Gleichzeitig verfügen immer mehr Führungskräfte und vor allem HR-Spezialisten über entsprechendes Know-How. Auch in meiner eigenen Ausbildungstätigkeit begegnen mir häufig Personen, die nicht eine selbständige Tätigkeit als Coach oder Berater anstreben, sondern Coaching als gezielte Ergänzung ihrer Führungs- oder Fachkompetenzen innerhalb der eigenen Organisation nutzen wollen. Alle drei Perspektiven haben beim Thema Coaching ihre Besonderheiten und ihre spezifischen Vor- und Nachteile.

Führungskräfte als Coach

Kann eine Führungskraft überhaupt als Coach für die eigenen Mitarbeiter fungieren? Die Frage wird auch unter Experten heiß diskutiert und ganz unterschiedlich beantwortet. Speziell im angelsächsischen Raum wird Coaching generell stärker mit dem Thema Führung verknüpft, als mit der Inanspruchnahme externer Beratung, wie es hierzulande üblich ist. Grundsätzlich geht es darum, dass Führungskräfte in einer Coaching-Rolle die Mitarbeiter dabei unterstützen, Ziele zu erreichen. Das Dilemma ist, dass Führung nicht nur aus Fördern, sondern auch aus Fordern besteht. Wenn es die Situation verlangt, dass eine Führungskraft Position bezieht und Entscheidungen trifft, kann sie nicht als Coach agieren. Es ist also wichtig, Rollenklarheit herzustellen und an geeigneten Themen zu arbeiten.

Voraussetzung dafür, dass Coaching durch einen Vorgesetzten funktioniert, ist ein kompatibles Führungsverständnis. Wenn eine Führungskraft sich primär als Problemlöser und alleinigen Experten „für eh fast alles“ sieht, wird ein Coaching Ansatz schwer umzusetzen sein. Es braucht vielmehr Offenheit für neue Lösungen und Vertrauen in die Kompetenzen der Mitarbeiter. Wo das nicht gegeben ist, gleichzeitig aber ein kollegialer, dem Coaching ähnlicher Führungsstil offiziell gewünscht, kommt es häufig zu Scheinlösungen: Ich habe als Führungskraft bereits eine genaue Idee davon, wie die Lösung aussieht und „coache“ den Mitarbeiter dahin, dass er von sich aus auf genau diese Lösung kommt. Das hat mit Coaching nichts zu tun. Wesentliches Instrument sowohl von Führung als auch von Coaching ist Kommunikation. Zuhören, Fragen stellen, Feedback geben und annehmen – wenn eine Führungskraft eine Coaching-Rolle einnehmen will, braucht sie entsprechende Gesprächskompetenz.

Schwierig wird es dann, wenn die Führungskraft der „Besitzer“ des Problems ist, also die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter das zentrale Thema eines Coachings ist. Wenn ich mich über das Verhalten eines Mitarbeiters ärgere (oder dieser über mich), kann ich nicht selbst als Coach agieren. Dann müssen dritte, neutrale Personen involviert werden.

Interne Spezialisten als Coach

Dort, wo Führungskräfte als Coach an ihre Grenzen stoßen, können interne Experten diese Rolle übernehmen. Häufig sind das Personen aus den Bereichen Human Resources, Personal- oder Organisationsentwicklung, die über eine Coachingausbildung und eine neutralere Position verfügen, als eine Führungskraft. Gelegentlich gibt es auch interne Coaching-Pools aus entsprechend geschulten Kollegen, die im Bedarfsfall um Unterstützung gebeten werden können. Eine großer Vorteil einer solchen internen Lösung ist sicherlich die gute Kenntnis der Branche und des eigenen Unternehmens. Man spricht die gleiche Sprache und der Coach kann sich gut in die Situation des internen Klienten versetzen. Speziell Coaches aus dem Personalbereich können darüber hinaus Verbindungen zu anderen Maßnahmen der Personalentwicklung herstellen und ein Coaching in einen größeren Kontext aus Trainingsangeboten, Team-Workshops oder Feedback-Prozessen einbetten. Interne Coaches bewegen sich jedoch in den Strukturen des gleichen Unternehmens und sind vielfältigen Interessen und Abhängigkeiten ausgesetzt, weshalb sie nicht immer die nötige Akzeptanz haben. Dies ist häufig der Fall, wenn es um Konfliktthemen oder Personen aus dem Top Management geht.

Coaching mit externen Beratern

Genau hier liegt die große Stärke eines externen Coachs, der unabhängig und diskret agieren kann und entsprechend eher akzeptiert wird. Zwei Worte werden gern bemüht, um die Position und auch die Vorteile eines externen Coachs zu beschreiben, die ich beide etwas relativieren möchte. Eine häufige Zuschreibung ist, ein externer Coach sei neutral. Ein schöneres und in meinen Augen treffenderes Wort ist allparteilich. Als Coach bin ich kein Schiedsrichter, der für niemanden Partei ergreift, sondern ich habe im Idealfall die Interessen aller Beteiligten im Blick: die meines Coachees ebenso wie die anderer beteiligter Personen und auch die der Organisation.

Widersprechen möchte ich der oft gehörten Ansicht, ein externer Coach ist deshalb so wertvoll, weil er objektiv sei. Eine solche Annahme passt nicht zu (m)einem systemisch-konstruktivistischen Weltbild. Er ist aber anders subjektiv und genau darin liegt die große Stärke eines externen Coachings, dass nämlich die Konfrontation mit neuen, ungewohnten Perspektiven zu Reflexion und neuen Lösungen führt. Ein Nachteil gegenüber internen Coaches kann die fehlende Fach- und Feldkompetenz sein. Klienten wissen es mit Recht zu schätzen, wenn sie bei der Beschreibung ihrer Situation nicht bei Adam und Eva anfangen müssen, sondern entsprechendes Vorwissen voraussetzen können. Für die Lösungsfindung sind diese Erfahrungen des Coachs aber oftmals weniger wichtig, als der Coachee denkt. In der prozessorientierten Arbeit eines Coachings spielen die Fragen und Hypothesen des Coachs meist eine größere Rolle, als sein Fach- oder Branchenwissen. Dieses ist allerdings eine große Hilfe beim Aufbau von Vertrauen in der Beziehung mit dem Klienten: Die Annahme, dass der Coach helfen kann, ist der erste Schritt für eine erfolgreiche gemeinsame Arbeit.

Illustration: David Lipp



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Clemens Böge
Clemens Böge

Dipl.-Oec Clemens Böge, MSc ist selbständiger Unternehmensberater und arbeitet schwerpunktmäßig für und mit Personen, Teams und Organisationen aus Marketing und Medien. Mehr unter www.beraterei-boege.com