Bewerbung einmal umgekehrt
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Bewerbung umgekehrt

Bewerben sich zukünftig Firmen?

Es klingt nach Zukunftsmusik: Firmen scannen gezielt nach Fach- und Spitzenkräften, stellen individuell auf diese zugeschnittene Bewerbungsmappen zusammen und hoffen, zum persönlichen Vorstellungsgespräch bei den gesuchten Schlüsselkräften geladen zu werden. Der umgekehrte Bewerbungsprozess, sind Experten überzeugt, wird schon in naher Zukunft Einzug in die Realität halten. In Zeiten von Fachkräftemangel und immer besser informierten Arbeitskräften ist die nächste große Herausforderung für Unternehmen und Personaler, die Besten der Besten von sich zu überzeugen – und nicht umgekehrt.

Die Experteer-Studie „Direktansprache von Spitzenkräften“ hat herausgefunden, dass derzeit nur 38 Prozent aller Spitzenkräfte direkt kontaktiert werden – im Gegensatz zu ganzen 96 Prozent der Befragten, die sich wünschen würden, dass Unternehmen von sich aus auf sie zukommen. Christian Göttsch, Geschäftsführer der Experteer GmbH: „So groß wie die Diskrepanz zwischen Kontaktwunsch der Kandidaten einerseits und der Kontaktwirklichkeit seitens der Unternehmen andererseits ist, so groß sind auch die Chancen auf einen Wettbewerbsvorteil im Personalmarkt durch die Direktansprache von Spitzenkandidaten.“

Einer, der diese Entwicklung schon seit längerem verfolgt, ist der deutsche Karriereberater und Coach Martin Wehrle. In einem Artikel für die ZEIT entwirft er die Arbeitswelt der Zukunft: „Jede schriftliche Bewerbung bei Arbeitnehmern, auf Ausschreibungen und auch initiativ, ist mit Zeugnissen und Zertifikaten gespickt. Die ‚Stiftung Firmentest‘ benotet die Unternehmen in Mitarbeiterfreundlichkeit, Führungsstil, Arbeitsplatzgestaltung und Zukunftsfähigkeit. Ebenso liegen die Referenzen ehemaliger Mitarbeiter bei.“

Wie genau bewirbt man sich aber richtig bei seinen künftigen Mitarbeitern? Auf was sollten Personaler achten? Und rentiert sich diese doch aufwändigere Vorgangsweise wirklich? Martin Wehrle gibt im Interview mit JOBnews die Antworten.

JOBnews: Warum sollte sich die Firma der Zukunft bei Ihren Wunsch-Mitarbeitern bewerben?
Martin Wehrle: Weil die Mitarbeiter knapp werden! Der Nachwuchs nimmt durch die geburtenschwachen Jahrgänge ab, nicht umsonst ist vom Krieg um die Talente die Rede. Hinzu kommt: Unsere Unternehmen konkurrieren nicht mehr nur mit anderen Firmen im deutschsprachigen Raum, sondern mit solchen auf der ganzen Welt. Junge Abgänger denken global und landen nicht selten auf einem anderen Kontinent.

Wie bewirbt man sich als Unternehmen richtig? Mit welchen Mitteln können Firmen potentielle Mitarbeiter von sich überzeugen?
Am Anfang steht die Frage: Was haben wir einem Mitarbeiter zu bieten? Eine moderne Firma bietet keine „Personalentwicklung“, sondern eine Persönlichkeitsentwicklung. Menschen wollen wachsen. Firmen sollten ihnen die Gelegenheit dazu geben: durch professionelle Führung, durch ständige Fortbildungen, durch abwechslungsreiche Aufgaben.

Was erwarten sich die umworbenen Fachkräfte von Unternehmen?
Dass Sie nicht nur als Rädchen im Betriebe oder gar als Kostenstelle in der Bilanz gelten, sondern als Teil des Unternehmens. Sie wollen, dass sie mitreden und mitentscheiden können, statt nur kommandiert zu werden. Und in meinem aktuellen Buch „Bin ich hier der Depp? –  Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen“ zeige ich auf, dass die Menschen auch Ihr Privatleben bewahren und nicht an die Firma abtreten wollen, etwa durch ständige Erreichbarkeit.

Warum betrachten viele Unternehmen potentielle Mitarbeiter immer noch als Bittsteller? Warum fällt ein Umdenken hier so schwer?
Weil das menschliche Gehirn sich immer langsamer entwickelt als die Welt um es herum. Die Firmen hängen in dem Denken der Vergangenheit fest, weil es bislang funktioniert hat. Erst wenn der Leidensdruck größer wird und die Mitarbeiter ausgehen, wird es zu einem Umdenken kommen. Für einige Firmen ist es dann zu spät.

Wie können sich Unternehmen einen Startvorteil im Buhlen um Mitarbeiter sichern?
Das fängt bei Kleinigkeiten an, zum Beispiel: Die Firmen sollten Bewerber als Gäste behandeln, mit großer Höflichkeit ? statt sie wie in einem Polizeiverhör vorzuführen. Man sollte auf individuelle Wünsche eingehen, etwa  Mitarbeitern unbezahlten Urlaub gewähren, wenn es ihre Situation erfordert, zum Beispiel, weil sie jemanden pflegen müssen. Und richtig gute Chancen haben Firmen, die nicht nur von der Förderung von Frauen sprechen, sondern diese tatsächlich praktizieren. Noch immer ist es für Frauen viel zu schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren. Warum nicht mehr Managerinnen auf Halbtagsbasis beschäftigen? Warum nicht mehr betriebseigene Kinderbetreuung bieten? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten – man muss die Mitarbeiter nur fragen.

Wie wirkt sich die von Ihnen skizzierte Entwicklung auf die Tätigkeit von Personalberatern und -abteilungen aus? Welche Aufgaben kommen hinzu, welche fallen weg?
Es kommen zwei große Aufgaben hinzu: Erstens darf man nicht länger Mitarbeiter für Stellen suchen, sondern Stellen für Mitarbeiter. Der Mensch und seine Talente sollten im Vordergrund stehen, auch weil sich die Stellenprofile schnell verändern – aber die Menschen bleiben. Und zweitens kommt es künftig darauf an, dass Führungskräfte mit viel Fingerspitzengefühl ausgewählt und mit großer Professionalität geschult werden. Ein Chef, der Menschen wachsen lässt, ist das beste Argument für ein Unternehmen.

Best practice: Gibt es Unternehmen, die diese Vorgangsweise bereits vorbildhaft umgesetzt haben?
Ja, die Drogeriekette dm halte ich für vorbildlich. Dort dürfen die Mitarbeiter ihre Vorgesetzten selbst wählen, statt sie vor die Nase gesetzt zu bekommen. Sie reden bei der Verteilung des Gehaltsetats mit und werden in die Unternehmenspolitik einbezogen. Nicht umsonst ist dm in großem Maße gewachsen, während der Konkurrent Schlecker seine Mitarbeiter schlecht behandelt, seine Kunden vergrault und somit eine Insolvenz heraufbeschworen hat.

 

INFO: Martin Wehrle: „Bin ich hier der Depp? – Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen“. Mosaik 2013, 14,99 Euro, ISBN 3442392519

BILDNACHWEIS: www.thinkstock.de

 

 

 



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