Benefits Startups
#Compensation & Benefits | Barbara Oberrauter

Benefits: Gut gemeint ist nicht automatisch gut

„Wer Feel-good-Manager braucht, hat in der Führung versagt.“

– Uta Rohrschneider, Geschäftsführerin, grow.up Managementberatung GmbH

Lichtdurchflutete Offices im Industrial-Schick, kreative Mitarbeiter, die schon mal eine Nachtschicht einlegen, um die Deadline einzuhalten, und Hackathons, bei denen sich findige Köpfe aus der IT gegenseitig herausfordern: Die Startup-Kultur hat zahlreiche Klischees und farbenfrohe Bilder hervorgebracht, die mittlerweile als Benchmark für innovative Geschäftsführung gelten. Ob das Du-Wort, Tischkicker oder Margharita-Fridays: Traditionelle Unternehmen haben sich lange Jahre verrenkt, um Benefits und hippe Coolness ihrer Startup-Kollegen zu kopieren und damit engagierte Nachwuchstalente an Bord zu holen.

 

Die Startup-Fassade zeigt erste Risse

Und doch ist nicht alles eitel Wonne im Startup-Land: Immer öfter zeigen sich in der farbenfrohen Fassade Risse, die tiefer gehen als ein Streit am kostenlosen Müsli-Montag. So berichtet etwa die Französin Mathilde Ramadier, die in zwölf Berliner Startups gearbeitet hat, von schlechten Gehältern, unsicheren Arbeitsverhältnissen und mangelnder Gleichberechtigung.

In ihrem Buch „Willkommen in der neuen Welt“ korrigiert sie das Image von Startups als Orte für gratis Smoothies und selbstbestimmtem Arbeiten: „Die Jobtitel klingen immer großartig – jeder ist ‚Manager‘ von irgendetwas“, erzählt Ramadier im Standard. Was sie aber tatsächlich erledigen musste, seien häufig Praktikantenaufgaben gewesen – etwa Daten in Excel eingeben. Auch die Sinnfrage könnten Startups nicht besser beantworten als alteingesessene Unternehmen: Die meisten Start-ups, stellt Ramadier fest, seien keine sozialen Projekte – „ein großer Teil macht weder etwas Gutes noch etwas Bahnbrechendes, sondern E-Commerce.“

 

Spaß-Benefits wirken nur kurzfristig

Gegen diese nüchterne Sichtweise können auch ein „Beer Friday“ oder kostenloses Müsli nur kurzfristig etwas ausrichten – die kostenlosen und „hippen“ Benefits verführen nur anfangs dazu, das Unternehmen in positiverem Licht zu sehen. Stehen dem aber lange Arbeitsstunden, gezwungene Firmenausflüge und schlechte Entlohnung entgegen, ziehen immer mehr Toptalente die Konsequenz – und wechseln zu Firmen, hinter deren Versprechen mehr Substanz steht. So berichtet Persoblogger Stefan Scheller von den Worten einer bekannten Personalerin: „Wir haben kürzlich einen Softwareentwickler verloren mit der Begründung, es gehe hier zu unstrukturiert zu – so könne er nicht arbeiten.“

Scheller sieht sowohl bei kostenlosen Individual-Leistungen wie Kaffee, Müsli, Smoothies oder Obst sowie in gemeinsamkeitsfördernde Spaß-Events einen Haken: „Das Problem an den vermeintlich so erfolgreichen Goodie-Paketen ist die relativ kurzfristige Motivationswirkung. Wenn das Außergewöhnliche zum Alltag wird, verfliegt der Reiz auch schnell wieder.“ Zudem beziehen sich Benefits wie ein kostenloses Mittagessen, Bällebad und spacig eingerichtete Offices rein auf Äußerlichkeiten – und lassen die individuellen Bedürfnisse von Mitarbeitern außen vor.

 

Benefits müssen sich an realen Bedürfnissen orientieren

Während die einen den Tischkicker ganz super finden, fühlen sich andere vom Lärm genervt. Wer gezwungenermaßen zwei Mal im Jahr mit der gesamten Belegschaft nach Mallorca fliegt und dort an spaßigen Team-Events teilnehmen muss, würde vielleicht lieber mehr Freizeit mit Familie oder den eigenen Freunden. Und fragt man einen Softwareentwickler, mit welchem Goodie seine Zufriedenheit gesteigert werden kann, mag das durchaus kostenfreier Kaffee sein, so Stefan Scheller: „Noch mehr Effekt können Sie aber wahrscheinlich bei ihm erzielen, wenn sie ihm eine Top-IT-Ausstattung anbieten. Und eine Infrastruktur, die Lust auf das Arbeiten macht.“

Fakt ist: Während traditionelle Unternehmen nach wie vor auf Benefits wie Firmenwägen, Bonuszahlungen oder Zuschüsse zu Weiterbildungen punkten wollen, sind die Extras von Startups durchaus gewagter, cooler und lassen sich auf Instagram besser vermarkten. Aber: Arbeitstrips nach Lissabon kosten nicht nur eine Menge Geld, sondern funktionieren auch nur dann, wenn jeder damit einverstanden ist, seine Freizeit der Firma zu opfern und die Mär von der „Arbeitsfamilie“ mitzutragen – und das tun in Zeiten einer ausgewogenen Work Life-Balance immer weniger.

 

Feelgood-Manager sind kein Ersatz für Teambuilding

Zudem sind Benefits generell nichts anderes als extra Zuckerstreusel auf dem Kuchen, zeigt die Employer Branding-Studie von StepStone: Nichts ist Kandidaten wichtiger als Wertschätzung für ihre Arbeit. 75% aller Befragten wünschen sich einen respektvollen Umgang mit Mitarbeitern. 64% aller Studienteilnehmer wollen mit guten Führungskräften zusammenarbeiten, die ihr Team ansprechend behandeln – und 63% wollen einen sicheren Job.

Stimmen diese Parameter nicht, hilft auch der Einsatz so genannten Feelgood-Managern oder Mitarbeiter-Arbeitsgruppen mit dem Namen Spaß und Schnaps-Mittwoch nicht viel, sagt Managementberaterin Uta Rohrschneider – vor allem dann, wenn sich die Führungsetage der lästigen Aufgabe entledigen will, ihre eigene Belegschaft zu motiveren. „Feelgood-Manager sind kein Ersatz für mangelnde Teambildung.“ Aus ihrer Sicht sind Unternehmen besser beraten, dessen Gehalt in die Ausbildung ihrer Führungskräfte zu investieren. „Auf diesem Wege können sie gemeinsam daran zu arbeiten, eine Kultur zu etablieren, in der eine mitarbeiterorientierte Leitung gelebte Praxis ist.“

 

Der beste Benefit? Wenn alle an einem Strang ziehen

Orientierung an den Bedürfnissen des Einzelnen und das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels sind jene Stichworte, die Arbeitgebern im Kampf um die besten Talente den entscheidenden Vorsprung verschafft: Werden Zusatzleistungen individuell auf den einzelnen Mitarbeitern abgestimmt und die gesamte Belegschaft in die Unternehmensstrategie eingebunden, braucht es keinen Feelgood-Manager oder den forcierten Spaß-Montag. Dann nämlich profitieren Unternehmen von Mitarbeitern, die gerne ins Unternehmen kommen, an einem Strang ziehen. Und zwar ganz ohne gratis Müsli und Tischkicker.



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.