Autismus - mit speziellen Bedürfnissen
#Recruiting | Barbara Oberrauter

Mit speziellen Bedürfnissen

Mitarbeiter mit Autismus richtig integrieren

Amadé hatte ein Problem. An seinem Arbeitsplatz funktionierte er nicht so, wie er eigentlich sollte. Seine Arbeitgeber warfen ihm Scheuklappenmentalität vor, auf unklare Arbeitsanweisungen reagierte er nicht richtig. Bis zu seinem 40. Geburtstag war er davon überzeugt, er müsse sich einfach mehr zusammenreißen, dann würde sich der Hausverstand schon von allein einstellen. Doch dann kam die fast rettende Diagnose: Amadé, ausgebildeter Versicherungsmathematiker, hat das Asperger-Syndrom.

Dabei handelt es sich um eine leichte Wahrnehmungsstörung aus dem Autismus-Spektrum. Untersuchungen zufolge leiden 17 von 10.000 Kindern an Autismus, acht am Asperger-Syndrom. Betroffene sind dabei vor allem in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation eingeschränkt: Die intuitive Fähigkeit, nonverbale und parasprachliche Signale bei anderen Personen zu erkennen und selbst auszusenden, ist beeinträchtigt.

Hoch spezialisierte und motivierte Mitarbeiter – mit speziellen Bedürfnissen

Arbeitgeber, die auf diese Herausforderung eingehen, bekommen jedoch bestens ausgebildete und hoch spezialisierte Mitarbeiter, sagt Elisabeth Krön von der Organisation Specialisterne im Interview mit JOBnews.at. Der Verein vermittelt seit drei Jahren Menschen mit Asperger-Autismus an Unternehmen. Diese würden von deren Einsatz enorm profitieren, erzählt sie: „Diese Menschen sind hochmotiviert, intelligent und loyal. Wenn sie  einmal einen Job gefunden haben, der für sie passt, wollen sie den auch weitermachen.“

Der Vorteil für Unternehmen liege auf der Hand, so Krön: „Wir stimmen die Spezialisierung unserer Kandidaten genau auf die Erfordernisse der Unternehmen ab. Man weiß, dass sie sich hochkonzentriert und mit großer Genauigkeit fast schon perfektionistisch an die Arbeit machen.“ Gerade im IT-Bereich, wo immer mehr Fachkräfte fehlen, könne das eine Möglichkeit sein, Lücken abzudecken, sagt Krön: „Menschen im autistischen Spektrum arbeiten sehr genau. Sie lassen sich nur schwer ablenken und finden Fehler oder Muster, wo andere nur Datenmengen sehen. Die Einsatzgebiete reichen von der Dateneingabe über Systemzusammenführung bis hin zum Programmieren und Testen von Systemen.“

Gut geeignet: Einsatzbereiche mit logisch-analytischen Herausforderungen

Krön rät Unternehmen, schon vorab zu prüfen, für welche Abteilungen und Tätigkeiten sich die spezifischen Kompetenzen von Menschen mit Autismus eignen würden: „Gut geeignet sind Einsatzbereiche, wo Regeln und Struktur eine große Rolle spielen.“ Weniger geeignet seien Bereiche mit viel Kundenkontakt oder solche, in denen hohes Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, eine übergeordnete Rolle spielen. „Aber alles, wo man logisch-analytisch denken und sehr genau sein soll, passt perfekt“, so Krön. „In dem Bereich sind die Leute hochbegabt.“

Unternehmen, die Menschem mit Autismus an Bord holen, sollten gerade in der ersten Phase einen Mentor bereitstellen, rät Krön. „Die Leute tun sich teilweise schwer, einfach so anzuklopfen und sich Informationen zu holen. Jemand, der immer wieder bei ihnen reinschaut und sich erkundigt, ob sie etwas brauchen, ist daher ganz wichtig für sie.“ Gefragt seien übrigens auch Führungskräfte: Sie müssen im Umgang mit Menschen mit Autismus Vorgaben klar kommunizieren, sagt Krön. „Die Führungskraft muss wissen, was sie will. Schwammig formulierte Ziele sind schwierig, weil sich die Leute ohne klare Vorgabe in Details verlieren.“

Beachten Unternehmen diese Punkte, sei die Zusammenarbeit für beide Seiten eine Win-Win-Situation, ist Krön überzeugt – das hätten schon viele Beispiele gezeigt, wo Mitarbeiter mit Autismus langfristig beschäftigt wurden. Das würde übrigens auch Versicherungsmathematiker Amadé bezeugen: Er ist mittlerweile bei einem großen Fachverlag im Lektorat. Seine Genauigkeit ist nicht nur bei seinem Arbeitgeber gern gesehen, auch er selbst fühlt sich wohl in einem Bereich, wo seine individuellen Kompetenzen geschätzt und gebraucht werden. Und, so Krön: „Am liebsten möchte er bis zur Pension dort arbeiten.“

INFO: Specialisterne

Bildnachweis: www.thinkstock.de



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Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist langjährige Journalistin in Wien mit Schwerpunkt auf Karriere- und HR-Themen. Ihr Fokus liegt vor allem auf den vielfältigen Möglichkeiten, die moderne, digitale Arbeitswelten mit sich bringen - und wie sich Unternehmen und Mitarbeiter ideal darauf einstellen können.






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