Arbeiten in der Pension
#Arbeitsmarkt & Studien | Barbara Oberrauter

Arbeiten in der Pension

Die Rückkehr der Dinosaurier

Arbeiten in der Pension? Für viele ein Schreckensgespenst. Schließlich hat man sich sein ganzes Berufleben lang abgeplagt, um es sich im goldenen Herbst des Lebens gemütlich zu machen und den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Auf Unternehmensseite sieht es nicht viel anders aus: Investiert wird vor allem in Nachwuchskräfte, Mitarbeiter, die kurz vor der Pension stehen, haben oft innerlich längst gekündigt.

Und doch ändert sich das Bild vom „best ager“: Wir werden nicht nur älter, sondern bleiben auch immer länger gesund und leistungsfähig. Und so verwundert es nicht, dass immer mehr Firmen mittlerweile auf die Expertise und das Know How pensionierter Mitarbeiter zurückgreifen – die „Dinosaurier“ des Unternehmens sind auf einmal gefragte Experten und Projektmanager.

Als jüngstes Beispiel hat die deutsche Otto Group die Pensionisten für sich entdeckt: Im Tochterunternehmen Otto Group Seniore können sich ausschließlich ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens bewerben. Eingesetzt werden sie bei Personalengpässen in ihren früheren Abteilungen und Berufen. Auch beim Technologiekonzern Bosch stehen pensionierte Führungskräfte auf Abruf bereit: Für Projekte und auf Honorarbasis kehren sie an ihren ehemaligen Arbeitsplatz zurück.

Ältere Experten sind hoch motiviert

Arbeiten in der Pension?

Leopold Stieger von seniors4success zum Thema Arbeiten in der Pension

„Wenn man sich die Bevölkerungspyramide ansieht, erkennt man, dass uns eine Fachkräfte- und Expertenknappheit bevorsteht“, bestätigt Leopold Stieger, Gründer der Plattform seniors4success, den aktuellen Trend. „Die Firmen tun daher gut daran, das zu nutzen, was sie jetzt haben.“ Zumal Pensionisten im Unternehmen eine wesentlich höhere Motivation aufweisen als jüngere Mitarbeiter: Eine Erhebung der Statistik Austria zeigt deutlich, dass der häufigste Grund, auch in der Pension weiterzuarbeiten, „Freude/Interesse an der Arbeit“ ist.

Darüber hinaus belegen Studien aus der Arbeitswissenschaft, dass Senioren bis zu 70 Jahren bei geistigen und leichten körperlichen Arbeiten genauso leistungsfähig sind wie 50-Jährige. Ein weiteres Plus: Sie stehen Unternehmen auch in strukturschwachen Regionen zur Verfügung, da sie, anders als junge Arbeitnehmer, im Alter nicht wegziehen. In Österreich ist dieses Potential jedoch derzeit noch relativ ungenutzt, bedauert Stieger. „Das Thema Arbeiten in der Pension wird nach wie vor tabuisiert, sowohl von den Arbeitgebern, als auch von den Arbeitnehmern selbst.“

Engagierte Ehemalige im Unternehmen halten

Die Kontaktpflege beginne bereits vor der Pensionierung. „Da spart man am falschen Ende, wenn man den Mitarbeitern keine Möglichkeiten anbietet, sich am Ende ihres Berufslebens auf die Zeit danach vorzubereiten. In gezielten Coachings oder Seminaren können sich die Leute überlegen, was sie der Firma anbieten können, wenn sie in Pension sind.“ Sind die Leute nämlich einmal aus dem Unternehmen ausgeschieden, gebe es nur wenig Möglichkeiten, sie wieder zurückzuholen, sagt Stieger: „Wenn die Leute einmal draußen sind, ist es mörderisch schwierig, sie wieder zu gewinnen. Die haben abgeschlossen.“

Einmal pro Jahr alle Ehemaligen zum Essen einladen, reiche nicht, um den Kontakt nachhaltig und nutzbringend für beide Seiten aufrecht zu erhalten: „Die Leute wollen keine Almosen, die wollen gefordert werden. Geben Sie ihnen eine Aufgabe, zeigen Sie ihnen, dass ihr Wissen noch etwas wert ist. Dann kriegen Sie auch engagierte Ehemalige, die der Firma nützlich sein können.“

Gerade Firmen, die eine ältere Kundenschicht ansprechen, könnten von ihren eigenen Senioren profitieren, so Stieger. „Die Betriebe bei uns sind einfach vernagelt. Obwohl sie wissen, dass ihre Zielgruppe älter ist, setzen sie keine Experten für diese Zielgruppe ein.“ Ehemalige Mitarbeiter könnten beispielsweise in der Beratung tätig sein oder ein neues Produkt ausprobieren, rät er. Das vermittle den Ehemaligen nicht nur das Gefühl, dass sie noch gebraucht werden, sondern koste auch weniger als ein externes Unternehmen, dem noch dazu das Insiderwissen fehlt. Stieger: „Niemand hat so viel Firmenwissen wie die Ehemaligen.“

Ein offenes Bekenntnis zu Senioren

Er rät Unternehmen für den raschen Rückgriff auf gespeichertes Expertenwissen zu einer Mitarbeit auf Projektbasis. Einbringen können die ehemaligen Mitarbeiter ihr Wissen beispielsweise bei Produkttests und in der Qualitätssicherung. Auch in der Kontaktpflege und im Lobbying haben Ältere einen Startvorteil: Ihre in langen Berufsjahren aufgebauten Kontakte kommen ihnen bei der internationalen Vermittlung oder bei Messen zugute.

Um ältere Arbeitskräfte überhaupt zu finden, könne es helfen, wenn Unternehmen sich offen zu Senioren bekennen, so Stieger. „Ich muss lautstark sagen, dass ich ältere Arbeitnehmer suche. Das kann über Mundpropaganda laufen, aber auch über Inserate, in denen ich gezielt nach Menschen im Alter 65 plus suche. Damit können Firmen großes Echo auslösen.“ Sinnvolles Generationenmanagement beginne aber nicht erst jenseits der 60, appelliert Stieger an die Personalabteilungen. „Damit der Umgang mit älteren Mitarbeitern zum Alltag wird, müssen Personaler zu allererst einmal damit aufhören, jede Bewerbung von Leuten auszusortieren, die älter als 50 sind.“

 

INFO:
http://www.seniors4success.at/
http://senior-retention.at/



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Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Barbara Oberrauter ist freie Journalistin und Autorin in Wien und gehört seit dem Start zum Redaktionsteam von JOBnews.at. Sie war unter anderem für die Austria Presse Agentur und den ORF tätig und widmet sich seit einigen Jahren hauptsächlich den Themen Karriere, HR und neue Medien. Als Kommunikationswissenschafterin und "digital native" interessieren sie dabei vor allem neue Trends im Berufsleben - und wie Unternehmen mit einer Arbeitswelt umgehen, die sich ständig wandelt.






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