Altersgerechtes Arbeiten ermöglichen: Die Belegschaft wird immer älter. Arbeitsplätze müssen altersgerecht werden.
#Recruiting | Andrea Heider

Altersgerechtes Arbeiten ermöglichen

Arbeitsplätze alterstauglich machen

In den nächsten Jahrzehnten wird es speziell in Europa zu einer Überalterung der Gesellschaft kommen. 34,5% der europäischen Einwohner werden zur Hälfte dieses Jahrhunderts das sechzigste Lebensjahr erreicht oder überschritten haben. Auch vor Österreich macht dieser demografische Wandel nicht Halt. Die „Strategie Europa 2020“ der Europäischen Kommission sieht nun vor, die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen bis 2020 auf 60 Prozent zu heben. Österreich ist mit aktuell 46 Prozent davon noch weit entfernt.

Wirtschaft, Politik und Arbeitgeber sind also dringend gefordert altersgerechte Arbeitsplätze zu schaffen. Denn: „Der Erfolg politischer Bemühungen, ältere Menschen länger im Erwerbsleben zu halten, wird letztlich davon abhängen, ob es gelingen wird, altersgerechte Arbeitsplätze zu schaffen“, weiß Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. „Es sollte selbstverständlich sein, Arbeitsplätze auf ihre Tauglichkeit für ältere Mitarbeiter zu überprüfen, wie das auch bei schwangeren Mitarbeiterinnen der Fall ist“, so Wechselberger „Denn, wie das Arbeitsmarktservice darlegt, wächst mit der Verlängerung des Erwerbslebens gleichzeitig auch das Risiko, die Arbeit zu verlieren.“ Einerseits wird eine allgemeine Anhebung des Pensionsantrittsalters gefordert, andererseits gibt es immer weniger altersgerechte Jobs und ältere Arbeitnehmer sind sehr oft von Arbeitslosigkeit betroffen sowie deutlich länger auf Arbeitssuche, als andere Arbeitslose.

Babyboomer gehen in Pension

Auch die zukünftige Unternehmens- und Personalpolitik muss sich mit einer geänderten Altersstruktur der Belegschaft vermehrt auseinandersetzen. Denn ältere Arbeitnehmer werden eine immer wichtigere Humanressource und ein Potenzial betrieblicher Wertschöpfung, wie dem frisch herausgegebenen Bericht „Gesund länger arbeiten“ zu entnehmen ist. Auch die in der Vergangenheit praktizierte Personalpolitik der Frühpensionierung oder Freisetzung älterer Arbeitnehmer kann diesem Bericht zufolge nicht weiter fortgesetzt werden, da die Zahl junger Erwachsener schon in naher Zukunft dramatisch zurückgehen wird. Ältere Arbeitskräfte können dann nicht mehr so leicht ersetzt werden.

Hand in Hand mit der Änderung der Altersstruktur und immer älter werdenden Belegschaften geht also auch der vielzitierte Fachkräftemangel. „Ältere werden künftig länger arbeiten müssen, denn die ‚Babyboomer‘ kommen ins Pensionsalter. Maßnahmen wie der restriktivere Zugang zu Invaliditäts- und Berufsunfähigkeitspension und die Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters zeigen bereits eine Wirkung“, erklärt Wechselberger. So sei der Anteil der 55- bis 64-Jährigen an den unselbstständigen Beschäftigten seit 2010 um zwei Prozent auf 10,6 Prozent gewachsen. Ältere Beschäftigte stehen jedoch nicht im Zentrum von Maßnahmen der Personalentwicklung. Viele Unternehmen scheuen die Investition in ihr „silbernes Humankapital“. Viel eher wird deren Ausscheiden bereits eingeplant. Unternehmen büßen dadurch mittelfristig ihre Beschäftigungsfähigkeit ein und riskieren ihre Wettbewerbsfähigkeit. 40 Jahre in einem Beschäftigungsverhältnis, das kann jedoch durchaus psychische wie physische Spuren hinterlassen. Was sind nun die häufigsten Belastungen älterer Mitarbeiter?

Häufige Belastungen älterer Mitarbeiter

„Körperkraft und Organe lassen mit dem Alter nach, geistige Fähigkeiten jedoch, wie etwa Teamfähigkeit, Geduld, durchdachtes Entscheiden, Sprachkompetenz oder die Fähigkeit verlässliche Netzwerke zu pflegen, sind meist stärker ausgeprägt“, erklärt Dr. Karl Hochgatterer, Referent für Arbeitsmedizin der Österreichischen Ärztekammer. Arbeitnehmern ab etwa Mitte 50 macht speziell der Bewegungs- und Stützapparat zu schaffen. Teilweise lassen Sehkraft und Gehör nach. Immer raschere technische Updates stressen viele ältere Menschen, egal ob am Schreibtisch oder an maschinenbasierten Arbeitsplätzen. Auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz können Erkrankungen verstärken oder auslösen.

Menschen altern unterschiedlich rasch und in unterschiedlicher Weise. „Weil Altern ein Prozess ist, der individuell sehr unterschiedlich verläuft, muss auf Basis der jeweiligen Leistungsvoraussetzung jedes einzelnen älteren Mitarbeiters beurteil werden, welche Aufgaben und Tätigkeiten er noch durchführen kann bzw. welche präventiven Maßnahmen geeignet sind, die Arbeitsfähigkeit möglichst lange aufrechtzuerhalten“, erklärt Dr. Stefan Koth, Geschäftsführer der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention. Daher rät der Mediziner, Gesundheitsexperten, nämlich speziell ausgebildete Arbeitsmediziner, mit diesem Thema zu betrauen. „Sie können sowohl den Menschen in seiner Gesamtheit beurteilen als auch die Anforderungen, die sich aus seiner beruflichen Tätigkeit ergeben“, so Koth. „Langfristig werden Betriebe nicht umhinkommen, die Arbeitsbedingungen so flexibel zu gestalten, dass sie mit den sich ändernden Potenzialen und Bedürfnissen einer alternden Belegschaft mitwachsen“, erklärt auch Wechselberger.

Einsatz von Arbeitsmedizinern in Betrieben

„Ziel der Arbeitsmedizin ist, die physische und psychische Gesundheit bzw. die individuelle Leistungs- und Arbeitsfähigkeit von Menschen bestmöglich zu erhalten und zu fördern“, so Koth, denn „nur ein Arzt kann eine fundierte ganzheitliche Differenzialdiagnose stellen.“ Die Bestellung eines Arbeitsmediziners ist laut ArbeitnehmerInnenschutzgesetzt für Unternehmen verpflichtend. Betriebe mit bis zu 50 Arbeitnehmern können auch auf eine kostenlose Bereitstellung durch die AUVA zurückgreifen.

Für etwa 290.000 Betriebe in Österreich mit maximal zehn Mitarbeitern ist eine arbeitsmedizinische Begehung nur mindestens alle zwei Jahre vorgesehen. Für Firmen mit bis zu 50 Mitarbeitern mindestens einmal pro Jahr. Speziell Familienbetriebe bemühen sich um ältere Mitarbeiter, ziehen aber selten einen Arbeitsmediziner hinzu. „Der Arbeitsmediziner untersucht im ganzheitlichen Sinne nicht nur den Betroffenen und die ergonomischen Bedingungen an dessen Arbeitsplatz, sondern er evaluiert auch die Situation in einem Team und bezieht das gesamte Betriebsklima in seine Lösungsvorschläge ein.“ Die Österreichische Ärztekammer fordert jeden Falles den vermehrten Einsatz von Arbeitsmedizinern, um älteren Arbeitnehmern altersgerechtes Arbeiten zu ermöglichen.

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Andrea Heider
Andrea Heider

Beschäftigt sich mit der Frage, wie die Arbeitswelt ein menschgerechter Ort werden kann und, wie jeder Mitarbeiter seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und weiterentwickeln kann; bloggt über Karriere- und HR-Trends. Besonderes Interesse für Themen rund um Achtsamkeit, Glücksforschung und Motivation.